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Kreis und quer:Graf Zahl und das Kleingedruckte

Ewiger Klassenprimus? Bei genauerer Betrachtung ist der Landkreis beim Imfptempo auch nicht besser als die anderen

Kolumne von Iris Hilberth

Manche werden sich an Graf Zahl erinnern, die Vampir-Figur aus der Sesamstraße, die Kindern im Vorschulalter die Zahlen beibringen sollte und dazu vorzugsweise Fledermäuse zählte, manchmal auch Nieser, gerne auch sich selbst. Insofern passt Graf Zahl irgendwie auch in die jetzige Zeit. Er zählte immer so lange, bis er die Zahl erreicht hatte, um die es gehen sollte. Sieben Fledermäuse, fünf Nieser, einen Graf Zahl. So einfach scheint es auch zu sein, wenn die Zahlen-Experten von heute die Welt der Statistik mit uns teilen und täglich Neuinfektionen und Impfquoten, R-Werten und Inzidenzen liefern. Aber wie vorsichtig man mit solchen Statistiken umgehen muss, wusste schon Franz Josef Strauß, der mahnte: "Wenn man den Kopf in der Sauna hat und die Füße im Kühlschrank, sprechen Statistiker von einer angenehmen mittleren Temperatur."

Wer Mitte der Woche einen flüchtigen Blick auf die Impfstatistik des Landkreises geworfen hat, wird vielleicht frohlockt haben, hier zu leben. Wo man immer ein bisschen besser ist als die anderen. 15,31 Prozent Erstimpfungen und 7,49 Prozent Zweitimpfungen sind zwar im Vergleich zu Israel (56,5 Prozent Zweitimpfungen) oder den Seychellen (65,2 Prozent Erstimpfungen) mickrig. Aber, hey: Im deutschlandweiten Vergleich steht man doch gut da! Oder etwa nicht?

Auf den zweiten Blick - sofern man den überhaupt riskierte - wurden alle Träume vom ewigen Klassenprimus wieder zerstört. Denn im Kleingedruckten rechts oben auf der Seite hieß es: Ausgehend von 295 623 Menschen im impffähigen Alter. Das sind nur die Landkreisbürger über 16 Jahre. Nimmt man dagegen alle 350 473 Einwohner als Bezugsgröße, so wie es das Robert-Koch-Institut bei der deutschlandweiten Impfquote (12,59 Prozent) tut, kommt man bei den Erstimpfungen auf schlappe 12,48 Prozent. Der Landkreis München ist zwar nicht wirklich schlechter als die anderen, aber auch nicht besser.

Mittlerweile gibt das Landratsamt beide Zahlen bekannt. Das ist auch besser so. Schließlich kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder das Kleingedruckte liest und dann auch noch selbst anfängt zu rechnen. Laut einer Statistik, die auf einer Statista-Umfrage aus dem Jahr 2017 beruht, lesen nur sieben Prozent "immer" die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, 28 "Prozent manchmal" und 17 Prozent "nie". Die Lehrerin in den USA, die vor gut zwei Jahren 10 000 Dollar gewonnen hatte, weil sie das Kleingedruckte ihres neuen Versicherungsvertrags bis zum Ende durchgelesen hatte, ist da wohl die Ausnahme. Die Versicherungsgesellschaft hatte den Hinweis auf den Wettbewerb ans Ende der Unterlagen gestellt, um zu testen, ob das jemand merkt. Wer jetzt diese Kolumne bis zum Schluss gelesen hat*, bekommt noch eine Bonus-Information: Die Zahl der aktuell Infizierten ist um 200 höher als noch vor ein paar Tagen, weil anders gerechnet wird.

*Nein, gewinnen kann man hier nichts.

© SZ vom 10.04.2021
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