Kreis und Quer:Fesch wie Drosten

Ein paar Krisengewinner gibt es schon. Im Sport überwiegen aber die Corona-Verlierer

Kolumne von Stefan Galler

Wer kann schon von sich behaupten, gestärkt aus dieser Pandemie hervorzugehen? Das trifft vielleicht auf ein paar Virologen zu, die vor 16 Monaten noch kein Mensch kannte, aber künftig den Status echter Promis haben, weil sie in jeder Talkshow ihren Beitrag zu - je nachdem - Untergangs- oder Aufbruchstimmung leisten durften. Auch Maskenbeschaffer und Betreiber von Testzentren stehen in der post-viralen Ära wohl besser da als vorher (wenn sie sich an Regeln und Gesetze gehalten haben). Und vielleicht gilt das auch für die FDP und Markus Söder.

In vielen anderen Bereichen sind Krisengewinnler dagegen rar, man denke nur an die Schüler, insbesondere die Abiturienten, die schon 2020 um ihre hochverdienten Feierlichkeiten gebracht wurden. So ließen sich einige Abschlussklassen T-Shirts drucken mit Sprüchen wie: "Die Schule war öfter dicht als wir."

Auch im Sport überwiegen die Corona-Verlierer: Etliche Vereine kämpfen um ihre Existenz, weil Kohorten von Jugendlichen mangels Trainingsmöglichkeiten ihre Karrieren schon beendeten, noch ehe sie den ersten Pokal hätten stemmen können. Die Bilanz im Landkreissport fällt ebenfalls durchwachsen aus: Turner Marcel Nguyen, immerhin zweifacher Medaillengewinner bei den Spielen 2012 in London, hätte es 2020 trotz Schulterverletzung wohl noch auf den letzten Drücker zu Olympia geschafft. Doch Medaillen werden in Tokio wegen Corona erst in diesem Sommer vergeben - und da fällt der Unterhachinger aus, weil er sich im Training sein Knie schwer ramponierte und womöglich sogar ganz aufhören muss. Wenigstens scheint Nguyens Klubkollege Lukas Dauser besser in Form zu sein als voriges Jahr, er fliegt als dreifacher deutscher Meister nach Japan.

Einen bitteren Ausgang nahm die auf zwei Jahre gestreckte und am Ende doch abgebrochene Corona-Saison der Amateurfußballer für den FC Deisenhofen: Als Zweiter der Bayernliga hätten die Kicker eigentlich um den Aufstieg spielen dürfen, doch die Relegation fällt aus und der Traum von Liga vier ist vorbei. Da haben sie eigens ein großes Crowdfunding gestartet und 30 000 Euro eingesammelt für neue Tribünen, damit sie mal wenigstens für ein Jahr mit den größeren Hunden hätten pinkeln können - und dann macht die Seuche alles zunichte.

Die größten Hunde der Branche treten seit Freitag mit einem Jahr Verspätung gegeneinander an. Und der Landkreis ist auch ein bisschen beteiligt. So ging Mats Hummels einst in Neubiberg zur Schule und Thomas Müller wohnte früher in Oberhaching und Straßlach-Dingharting. Die beiden sind übrigens auch Krisengewinnler, wenn man so will, denn vor einem Jahr wären sie kaum nominiert worden. Doch nun ist klar, dass die Euro Löws letztes Ballgefecht als Bundestrainer wird. Im Erfolgsfall sind Jogi, Mats und Dammerl wieder mindestens so populär wie Christian Drosten. Auf jeden Fall aber ähnlich gut frisiert.

© SZ vom 12.06.2021
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