Kreis und quer:Stinken ist jetzt en vogue

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Kreis und quer: Michael Morosow

Michael Morosow

Wer trotz Energieknappheit täglich ein heißes Bad nimmt, soll sich in Acht nehmen. Der Seifengeruch entlarvt ihn.

Kolumne von Michael Morosow

Ein Siebenschläfer müsste man sein. Dann läge man schon seit Wochen in einer unterirdischen Höhle im Winterschlaf. Die putzigen Tierchen fahren dazu ganz einfach ihren Energiebedarf runter, und wenn sie im Mai wieder aufwachen, sind sie glücklich und schlank. Leider beherrschen wir Menschen diese extreme Form des Energiesparens nicht, weshalb wir uns für den anstehenden Winter etwas anderes einfallen lassen müssen, um gut über die Runden zu kommen - moralisch und finanziell. Denn wenn nur ein wenig dran ist an den vielen Kassandrarufen, die täglich zu vernehmen sind, dann werden einige von uns demnächst im Dunklen vor ihren abgetauten Kühlschränken erfrieren müssen. Zum Glück lassen sich in den sozialen Netzwerken täglich neue Tipps zum Einsparen von Strom und Heizmaterial finden, und auch Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen spart damit nicht. Dass sein epochaler Vorschlag, alte Duschköpfe auszuwechseln, zum Gamechanger wird, ist eher fraglich und reicht wohl bei weitem nicht dazu, das Land energetisch durch den Winter zu bringen und sich selbst vor einer Insolvenz zu schützen.

Wie also kann ich ein Energiesparfuchs werden und damit die Welt retten? Die Heizung so weit runterzudrehen, bis man eine schwere Grippe bekommt und im warmen Krankenhaus landet, ist eine Option. Abends mit der Wärmflasche unter der Decke bei Kerzenschein einen Krimi lesen statt Tatort schauen bringt auch ein wenig.

Das größte Energiesparpotenzial aber findet sich zweifelsohne im Badezimmer. Drei Mal in der Woche ein heißes Vollbad? Wer weiter darauf besteht, soll wissen, sein Frevel bleibt uns nicht verborgen. Wir haben eine gute Nase für solche Typen. "Der riecht schon wieder nach Seife, die Sau", werden wir ihm verächtlich nachrufen. Wohingegen jeder schwer geachtet wird, der zu unser allem Wohle vor sich hin gammelt. Stinken ist jetzt en vogue. Der soziale Frieden wird im Badezimmer verteidigt. Und wer vor lauter Solidarität bereits eine grindige Haut bekommen hat, der kann sich unter den neuen Duschkopf stellen, und wenn ihm ernst ist um Deutschland, den blauen Hahn aufdrehen. Angeblich kann man die kalte Dusche besser ertragen, wenn man währenddessen singt. Der Erfolgsschlager der Viel-Harmoniker: "Lass mich Dein Badewasser schlürfen" böte sich dazu an.

Nun, da die Not groß ist, könnte sich die eine oder andere Familie aber auch der Badegewohnheiten früherer Generationen erinnern, die schon Wasser und Wärme einsparten, als noch mit Holz und Kohle die Öfen befeuert wurden. Sie müssten nur noch ihre Kinder dazu kriegen, nach und nach ins gleiche Badewasser zu steigen. Ein fortgeschrittener Energiesparfuchs belässt es dabei freilich nicht. US-amerikanische Wissenschaftler haben errechnet: Wer einmal am Tag beim Duschen pinkelt, kann rund 2200 Liter Wasser im Jahr sparen. Super Idee, wenn's läuft, dann läufts beim Energiesparen im eigenen Haushalt. Was, die Ehefrau findet das eklig? Soll sie erst einmal ihre elektrische Zahnbürste zur Seite legen. Und schon mal Kerzen und warme Decken kaufen.

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