Süddeutsche Zeitung

Kreis und quer:Die Zugpferde verziehen sich

Die abgewählten Bürgermeister sind nur die bekanntesten Fälle. Einen faden Beigeschmack hinterlässt, dass einige Prominente auf ihre Gemeinderatsmandate verzichten, die bei der Wahl Stimmen für ihre Partei holten

Es ist ein Segen, dass Barbara Bogner die Stichwahl ums Bürgermeisteramt in Sauerlach am 29. März gewonnen hat. Mit diesem Erfolg der amtierenden Rathauschefin herrscht Klarheit - und wurde ein unwürdiges Schauspiel der CSU im Ort entlarvt. Denn die hatte erstens den Bauamtsleiter Hubert Zellner ins Rennen gegen seine Dienstherrin geschickt, was alleine schon einen Affront gegen Bogner darstellt, und ihn zweitens auch noch auf Platz eins der Gemeinderatsliste gesetzt. Dieses Mandat aber darf Zellner nach seiner Niederlage qua Amt als Bauamtsleiter nicht annehmen. Seine Stimmen als Zugpferd aber hat die CSU gerne eingesackt.

Kommunalwahlen sind Persönlichkeitswahlen. Landrat Christoph Göbel hat das erlebt, er fuhr in der Stichwahl fast 65 Prozent ein, während seine CSU bei der Kreistagswahl Verluste hinnehmen musste. Haars Noch-Bürgermeisterin Gabriele Müller holte bei der Gemeinderatswahl das beste Ergebnis aller SPD-Kandidaten - scheiterte aber in der Stichwahl gegen den CSU-Mann Andreas Bukowksi und verzichtete dann auf ihren Sitz im Gemeinderat. Müller ist Geschichte, ihre Stimmen aber bleiben der SPD.

Aus menschlicher Sicht ist der Rückzug der Sozialdemokratin zu verstehen, genauso wie der des abgewählten Oberschleißheimer Bürgermeisters Christian Kuchlbauer von den Freien Wählern, der sein Mandat ebenfalls nicht annimmt. Für beide muss es eine frustrierende Aussicht gewesen sein, sechs Jahre lang im Sitzungssaal einem anderen beim Gestalten zusehen zu müssen. Und doch bleibt ein fader Beigeschmack, denn die Wähler haben sich in großer Zahl auch für die Gemeinderäte Müller und Kuchlbauer entschieden - für sie ziehen Nachrücker ein, denen deutlich weniger Menschen ihre Stimme gegeben haben.

Die ebenfalls abgewählte Gräfelfinger Bürgermeisterin Uta Wüst hat gleich zwei Volten hingelegt. Erst wollte sie nach ihrer Pleite ihr Gemeinderatsmandat nicht annehmen, dann doch - aber da war die Frist abgelaufen. Selbst mit ausreichend Gehirnschmalz verstehen das nur die allerwenigsten.

Vertrauen spielt auch und gerade in der Kommunalpolitik eine wichtige Rolle. Vertrauen darauf, dass diejenigen, die sich im Wählerstimmen ringen, es ernst meinen. Wie Hubert Zellner in Sauerlach musste auch die Pullacher Bauamtsleiterin Christine Eisenmann befürchten, sich nicht gegen ihre Dienstherrin Susanna Tausendfreund von den Grünen durchsetzen zu können. Dennoch trat auch sie auf Platz eins der CSU-Gemeinderatsliste an - und darf das Mandat nun nicht antreten. Ein solches Verhalten ist unanständig und führt den Wähler in die Irre.

Dass Uta Wüst nun öffentlich beklagt, es sei bedauerlich, dass es im Landkreis nach ihrer und der Abwahl Müllers so wenige Bürgermeisterinnen mehr gibt, zeugt indes von wenig Einsicht. Vielleicht lag es ja schlichtweg an den Personen und deren Amtsführung - unabhängig vom Geschlecht. Im Übrigen hätten beide weiter kommunalpolitisch mitwirken können. Als Gemeinderätinnen.

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SZ vom 09.04.2020
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