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Kreis und quer:Die Nachfahren von Schilda

Ein dreieckiges Rathaus ohne Fenster? Durchaus eine abgefahrene Idee, mit der jedoch so mancher aktuelle Plan in der Landkreispolitik durchaus mithalten kann

Schon vor 400 Jahren haben aufmerksame Beobachter festgestellt, dass der Mensch gerade auf lokaler Bühne Bemerkenswertes zustande bringt und nebenbei tief in seine Seele blicken lässt. So schrieb damals jemand die Geschichten der Bürger von Schilda auf und verhalf diesen dadurch zu überregionaler Berühmtheit. An deren Taten müssen sich seither die Bürgermeister und alle Ratsherren und -frauen messen lassen. Wobei die Latte hoch liegt. So ist bisher nicht bekannt geworden, dass es im Landkreis München schon mal jemandem eingefallen wäre, ein dreieckiges Rathaus ohne Fenster zu bauen, um dann das Licht in Säcken einzufangen und hineinzutragen. Aber wer weiß, kann ja noch kommen.

Die Ereignisse diese Woche jedenfalls haben gezeigt, dass man nichts ausschließen sollte. So hat die CSU in Neubiberg vorgeschlagen, zwar für mehr als 20 Millionen Euro das Rathaus zu erweitern, dabei aber auf einen Ratssaal zu verzichten. Schließlich müsse man ja die Kosten drücken. Darauf wäre man womöglich vor 400 Jahren in Schilda nicht gekommen, wobei anzumerken ist, dass es damals noch keine Kommunalwahlen und keine Öffentlichkeit im heutigen Sinne gab. Wer es heute lokal zu etwas bringen will, muss auffallen und das am besten mit einer abgefahrenen Idee.

Auch andere Begebenheiten lassen einen an Schilda denken. Im Jahr 2015 beschlossen die Kreisräte des Landkreises, der sich wie kein anderer in Bayern am Puls der Zeit wähnt, Wlan in den Linienbussen einzuführen. Nun wurde bekannt, dass es acht Jahre später, also im Jahr 2023, tatsächlich möglich sein wird, in jedem Bus mit dem Smartphone ins Netz zu gehen. Es fehlt eben einer, der das Internet in Säcke packt, um es in die Busse zu bringen. Zum Glück gibt es aber anderswo zupackende Menschen wie den Altbürgermeister von Taufkirchen, Walter Riedle, der in dieser Woche mit seiner Idee an die Öffentlichkeit ging, mit bald 80 Jahren eine Wählerliste "Änderung für Taufkirchen" (ÄfT) anzuführen und nach der Kommunalwahl 2020 "frischen Wind" ins Rathaus zu bringen - ob nun in Säcken oder wie auch immer.

Die Hoffnung lebt also, dass sich unabhängige Geister an die Lösung der großen Probleme machen. Wieso hat noch keiner vorgeschlagen, das 92 Millionen Euro teure Gymnasium in Kirchheim günstiger zu bauen, indem man auf Klassenzimmer verzichtet? Und was ist mit dem geplanten Schulcampus in Gronsdorf und all den Wohngebieten und Kiesabbauflächen, die keiner anfahren kann? Das schreit nach einem Pilotprojekt im Innovations-Landkreis München. Warum werden keine Lufttaxis eingesetzt? Und den Kies, den lässt man CO₂-frei mit Lastenrädern abtransportieren. In Schildau in Sachsen übrigens, das sich als Original-Schilda vermarktet, ist man stolz auf seine Vorfahren. Die waren in Wirklichkeit nicht einfältig, sagt man, sondern richtig schlau. Sie wollten es nur keinem zeigen und ihre Ruhe genießen.