Kreis und Quer:Vorher klüger wäre schön

Lesezeit: 2 min

Was hilft schlaue Software, wenn sie nur im Nachhinein weiß, was richtig und falsch war?

Kolumne von Claudia Wessel, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Es ist ein tagtägliches Déjà-vu: Man erhält eine Nachricht per Whatsapp oder Telegram oder Signal oder sonstigen Messengern. Darauf zu sehen ist beispielweise das Foto einer schlanken Schönheit, die, als man sie noch hin und wieder live gesehen hat, weitaus rundlicher war. Jetzt aber präsentiert sie sich in Bestform mit dem OOTD, dem Outfit of the day. Das OOTD der Bekannten sieht eigentlich immer gleich aus und man fragt sich, was sie antreibt, ihre Umwelt damit zu erfreuen. Dass sie als bezahlte Markenbotschafterin tätig ist, möchte man doch bezweifeln. Hier handelt es sich eindeutig um Fake News.

Und um dieses Urteil zu fällen, brauchte man nicht einmal Michaela Geierhos. Die Professorin für Data Science an der Bundeswehruniversität in Neubiberg und Technische Direktorin des dortigen Forschungsinstituts Code engagiert sich mit Kollegen aus Israel in einem Forschungsprojekt namens "Kimono". Dieses soll herausfinden, wie man Fake News enttarnen kann. Entwickelt wird eine Software, die Muster erkennen soll, die auf eine Desinformationskampagne hinweisen. Hierbei soll KI, Künstliche Intelligenz, helfen. So intelligent die KI auch sein mag, ihr Problem ist, dass sie nur in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft schauen kann. Sie kann also laut Professorin Geierhos lediglich Posts rückblickend auf bestimmte Muster hin untersuchen.

Was aber nützt es einem, wenn diese Software die Muster der OOTD der angeblich so Schlanken rückwirkend dahingehend analysiert, dass sie alle mit Hilfe von Filtern verschlankt wurden und so aus der Beleibten eine Dünne wurde? Vorbei ist schließlich vorbei und letztendlich hat man das ja von Anfang an gewusst. Besser wäre eine Software, die sofort bei Erhalt einer Nachricht sagen kann, ob der Inhalt gelogen ist oder der Wahrheit entspricht. Da aber, muss Frau Geierhos zugeben, stehe man leider noch am Anfang.

Und daher hätte KI auch dem 64-Jährigen aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn nichts genützt, der diese Woche eine Nachricht über einen Messengerdienst erhielt. Die Nummer war ihm unbekannt, das konnte derjenige, der schrieb, aber erklären. Er sei Cousin Karl aus Pullach oder so und habe sein Handy verloren. Dies sei seine neue Nummer und er brauche dringend ein paar tausend Euro. Mit rein menschlicher Intelligenz glaubte der Mann ihm und da er offensichtlich großzügig veranlagt ist, half er dem Karl aus Pullach gerne aus der Patsche und überwies mir nichts, dir nichts eine hübsche Summe auf ein angegebenes Konto.

Vielleicht weil der Dank von Karl ausblieb oder weil dem Höhenkirchner plötzlich siedend heiß einfiel, dass man nicht alles glauben sollte, was einem via Messenger als Wahrheit präsentiert wird, schöpfte er dann doch Verdacht und alarmierte die Polizei. Die aber war genauso hilflos wie die Software von Frau Geierhos. Ja, rückblickend konnte sie feststellen, dass der Angeschriebene betrogen worden war. Für die Zukunft konnte sie ihm nur zu einem gesunden Misstrauen raten. Und dazu, jedes noch so schicke OOTD kritisch zu beäugen.

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