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Kreative Wege:"Ich gehe jetzt in die Politik"

Singen gegen den kreativen Stillstand: Andrea Pancur kritisiert die bayerische Staatsregierung, die freischaffende Künstler und kleine Bühnen in der Krise nicht genügend unterstützt habe.

(Foto: oh)

Nach dem Corona-Schock macht sich Sängerin Andrea Pancur auf die Suche nach neuen Konzepten für die Kunst. Am Sonntag spielt sie in Straßlach ein Parkplatzkonzert mit Alpen Klezmer und Liedern zum Wiedersehen

Interview von Irmengard Gnau, Straßlach-Dingharting

Die Corona-Pandemie hat die Kulturbranche besonders heftig getroffen. Vielen Künstlern ist die Lebensgrundlage weggebrochen, finanziell wie auch inhaltlich. Kreative Wege sind nun gefragt. Die Münchner Sängerin Andrea Pancur, bekannt durch ihre Verbindung von bairischen und jiddischen Klängen, macht am Sonntag, 26. Juli, kurzerhand einen Parkplatz zu ihrer Konzertbühne: Auf dem Areal eines Autohauses in Straßlach lässt sie Alpen Klezmer und koschere Gebirgsjodler erklingen und feiert das so schmerzlich vermisste gemeinsame Singen mit Liedern vom Wiedersehen.

SZ: Frau Pancur, Ihre Kunst lebt ganz stark von der Kooperation mit Kollegen. Wie haben Sie die Zeit mit den starken Einschränkungen durch Corona verbracht?

Andrea Pancur: Es war echt hart. Am Anfang war ich im freien Fall. Als Ministerpräsident Markus Söder am 13. März die Schul- und Kitaschließungen für den folgenden Montag verkündet hat, ist mir innerhalb von 48 Stunden meine gesamte Jahresplanung um die Ohren geflogen. Einzig eine Midi-Stelle an der Fachakademie für Sozialwesen, wo ich angehende Erzieherinnen unterrichte, ist mir von meinem Flickenteppich an Engagements geblieben. Aber das allein zahlt nicht die Miete. Es war ein Schockzustand. Hinzu kommt, ich gehe ja nicht von neun bis fünf in die Arbeit und komme dann nach Hause, Musik ist mein Leben! Wir Musiker arbeiten mit Menschen, das fiel alles weg.

Sie kritisieren das Krisenmanagement der Staatsregierung für die Kultur in Bayern deutlich. "Bis auf Weiteres", schreiben Sie auf Ihrer Website, "liegt die Kultur flächendeckend am Boden".

Ja. Ich sehe ja viele der Maßnahmen ein, ich hätte auch nicht in geschlossenen Räumen spielen wollen, aber bei der Vergabe der Hilfen wurden Soloselbstständige und Kulturstätten systematisch vergessen. Jetzt tut sich etwas, aber die Kultur liegt bereits am Boden. Es gibt erste Fundusverkäufe von freien Theatern, kleine Bühnen sperren zu. Kultur ist nicht das einzig Wichtige in dieser Situation, das ist mir klar, aber Kunst, Kultur und Bildung sind nicht in Geld zu fassende Säulen der Gesellschaft. Es wäre eine Katastrophe, wenn im Schulmusikunterricht das Singen verboten würde, wie es in Baden-Württemberg gerade diskutiert wird. Im Musikunterricht lernen die Kinder auch etwas für die Gesellschaft, zu kooperieren zum Beispiel. Zum ganzheitlichen Menschsein gehört diese emotionale Bildung genauso dazu wie andere Fächer, sonst ziehen wir eine Generation von Buchhaltern heran.

Wie schauen Sie als Künstlerin in die Zukunft? Corona wird uns ja voraussichtlich noch eine Weile begleiten.

Ich hatte während des Lockdowns einen kreativen Stillstand, aber langsam habe ich mich wieder derrappelt. Ich bin eine Zeit lang jeden Morgen in den Perlacher Forst gegangen und habe laut gesungen, das hat mir geholfen, aus der Depression herauszukommen. Jetzt muss man sich eben neue Formate überlegen, zum Beispiel Konzerte streamen. Und man muss überlegen, wie man das vermarktet.

Was würden Sie sich dahingehend von der Politik wünschen?

In den kommenden Monaten noch mehr Veranstaltungen im Freien, etwa bei Sommer in der Stadt in München. Außerdem ein Konzept, damit wir auch im Winter mit Corona wieder spielen können, vielleicht mit verkürzten Formaten. Und ich wünsche mir eine neue Kulturstaatsministerin - wir brauchen da dringend frischen Wind.

Sie haben selbst in den vergangenen Monaten einige neue Projekte probiert.

Ich glaube, es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten, damit man nicht das Gefühl hat, im Stillstand gefangen zu sein. Ich habe zum Beispiel den "Physical Distance Community Quoir" ins Leben gerufen, einen virtuellen Chor. Wir sind Sängerinnen und Sänger aus ganz Europa, wir treffen uns jeden Sonntag am Bildschirm und singen gemeinsam. Außerdem habe ich beschlossen, ich gehe jetzt in die Politik.

Was haben Sie vor?

Ich bin dem SPD-Ortsverband bei mir in Untergiesing/Harlaching beigetreten und will mich dafür einsetzen, mehr Raum für Kunst und Kultur im Münchner Süden zu schaffen. Die Fürther Initiative "Kultur vor dem Fenster" konnten wir schon nach München bringen - über unsere Website kann jetzt jeder Münchner ganz einfach professionelle Künstler für ein Konzert oder eine Performance in seinem Garten buchen.

In Straßlach geben Sie jetzt ein Parkplatzkonzert. Worin liegt der Charme dieses besonderen Formats?

Ein Parkplatz ist nicht besonders sexy, ich weiß, aber wir werden es uns so gemütlich wie möglich machen. Ich hatte im Lockdown überlegt, wie ich irgendwie raus kommen kann. Einen großen Garten habe ich leider nicht, da habe ich spontan meinen Autohändler gefragt, ob ich nicht auf seinem Parkplatz auftreten kann. Er hat zugesagt. Ich hoffe, dass viele Menschen die Gelegenheit nutzen und einen Sonntagsausflug in dieser wunderschönen Gegend machen und dann vielleicht mit Picknickkorb das Konzert besuchen.

Sie werden neben Alpen Klezmer auch neue Stücke spielen.

Ja, ich habe während der fünf Monate ohne Auftritte einige neue Lieder gelernt. Mein Münchner Kollege Boris Ruge hat außerdem ein tolles Corona-Lied geschrieben, das habe ich ins Jiddische übersetzen lassen und werde es vortragen. Es heißt "Veln mir'n zikh viderzen".

Das Parkplatzkonzert von Andrea Pancur beginnt am Sonntag, 26. Juli, um 18 Uhr auf dem Parkplatz des Autohauses Zweckinger, Gewerbestraße 1 in Straßlach-Dingharting. Einfahrt mit dem Auto, pro Auto bis zu vier Zuhörer. Karten gibt es zu 20 Euro für Erwachsene, fünf für Kinder über judith@tibet-yoga.de (Bezahlung kontaktlos vorab).

© SZ vom 23.07.2020

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