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Aying:"Der Kurbi weiß alles"

Heute arbeitet Korbinian Kroiß im Archiv und hilft bei der Erstellung einer Großhelfendorfer Chronik.

(Foto: Claus Schunk)

Als Adenauer Kanzler war, trat Korbinian Kroiß in den Dienst der Gemeinde. Noch heute ist er im Rathaus aktiv.

Von Michael Morosow, Aying

Als Korbinian Kroiß in die Dienste der Großhelfendorfer Rathausverwaltung trat, war Konrad Adenauer Bundeskanzler, kostete die Halbe Bier 59 Pfennig und erhielt er sein Gehalt bar in einer Lohntüte. 60 Jahre sind seither ins Land gezogen, aber wer annimmt, der Gemeindeangestellte hätte sich längst aufs Altenteil zurückgezogen, der kennt den "Kurbi" nicht. Der mit Abstand dienstälteste Gemeindemitarbeiter befindet sich seit seiner Verrentung im Februar 2003 im Unruhestand, aktuell trägt er mit seinem profunden Wissen über die Geschichte seines Heimatortes zum Entstehen einer Helfendorfer Gemeindechronik bei. "Der Kurbi weiß alles", sagt Archivarin Franziska Ahlborn, für die er drei halbe Tage pro Woche arbeitet.

Großhelfendorf, heute Ortsteil von Aying, war eine selbständige Gemeinde, als der 21 Jahre alte Korbinian Kroiß am 1. September 1960 Rathausmitarbeiter wurde. Bis dahin hatte seinem Onkel, dem damaligen Bürgermeister Alois Kroiß, nur ein Sekretär zur Verfügung gestanden. Dass der junge Mann in München Großhandelskaufmann gelernt hatte und somit Schreibmaschine schreiben konnte, kam ihm bei seiner Bewerbung entgegen. Es war die Zeit, da die Gemeinden für die Bayerische Versicherungskammer die Beiträge zur Brandversicherung bei den Leuten persönlich abkassierte und Korbinian Kroiß viel unterwegs war im Außendienst - und die Hunde fürchten lernte. Ins Haus gelassen wurde er dabei immer, aber wenn er gehen wollte, stand er nicht selten fletschenden Zähnen gegenüber. Einmal, als er im Auftrag der Gemeinde einen Wasserstand kontrollieren wollte, habe er sich im letzten Moment in den Keller retten können, erinnert sich der 81-Jährige. Und auch daran, wie er den Gemeinde-Sekretär aus den Fängen eines wütenden, weil abgeblitzten Bauwerbers befreien half. "Der hatte ihn schon am Kragen gepackt und wollte ihn über die Theke ziehen. Ich hab den Bürgermeister gerufen, dann erst hat er ihn losgelassen."

Die Gebietsreform 1978 bedeutete auch für Korbinian Kroiß eine Zäsur in seiner beruflichen Laufbahn. Nachdem Peiß und Helfendorf zur Gemeinde Aying zusammengelegt wurden, avancierte er zum Kassenverwalter der neuen Gemeinde. Dass es heute noch in Helfendorf Leute gibt, die der einstigen Selbständigkeit ihres Ortes nachtrauern, weiß Kroiß nur zu gut, aber mit Details hält er sich bedeckt, so auch zum "Glockenkrieg" anno 1991, als die Weihe einer neuen Glocke für die Kleinhelfendorfer Pfarrkirche St. Emmeram anstand, die Gießerei aber den Namen des Ayinger Patrons Andreas eingravierte. Die unbekannten Täter, die daraufhin heimlich den heiligen Andreas mit einer Flex wieder entfernten, kennt bis heute offiziell niemand. "Auch ich nicht", sagt Kroiß. Man muss ihm das glauben. Wie man als Helfendorfer gut mit den Ayingern auskommen kann, das lebt der Ruheständler schon seit November 1967 vor, als er seine Hildegard heiratete, eine Ayingerin, mit der er zwei Kinder großgezogen hat.

"Der Kurbi ist die gute Seele in Helfendorf", sagt Archivarin Ahlborn, er sehe es als Auftrag, für die Bürger dazusein, "er hilft auch alten Frauen beim Einkaufen." Derzeit aber ist er überwiegend im Archiv zugegen, um die Chronik voranzubringen. "Ich weiß viel ", sagt Kroiß, und über Helfendorf gebe es auch viel Material im Gegensatz zu Aying und Peiß, wo "nichts da ist", weil Unterlagen vernichtet worden seien, als die Amerikaner einrückten. Im Garten der Kroiß' steht das von Tochter Roswitha aus Keramik gefertigte Helfendorfer Wappen auf einer Säule. Eine Reminiszenz an die einstige Selbständigkeit. Aber mit dem Ayinger Glockenkrieg, so sagt er, habe er wirklich nichts zu tun gehabt.

© SZ vom 24.09.2020/hilb

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