Konzertkritik Standards auf hohem Niveau

Sie kennen sich schon seit knapp 30 Jahren und als Duo nennen sie sich Grupa Janke Randalu: Der estnische Pianist Kristjan Randalu und der deutsch-polnische Perkussionist Bodek Janke entfalten zusammen einen Klangfarbenreichtum, der beeindruckt.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Perkussionist Bodek Janke und der Pianist Kristjan Randalu arrangieren in Pullach Jazz-Klassiker des Great American Songbook so versiert wie originell und entfalten dabei auch modern-folkloristische Klangimpressionen

Von Udo Watter, Pullach

Wer Etta James' Version des hochromantischen Standards "At Last" von 1961 kennt und kein kompletter Gefühlskrüppel ist, dem wird wohl bei der ein oder anderen Stelle das Herz aufgehen. Das Arrangement, das der Pianist Kristjan Randalu und der Perkussionist Bodek Janke im Pullacher Bürgerhaus darboten, zielte indes weniger auf direkte emotionale Schmelz-Wirkung, sondern war eher eine mit rhythmischer Finesse und melodischer Neugier vorgetragene Fassung. Moderner Creative Jazz quasi, hoch virtuos und definitiv mehr intellektuell als balladesk.

Überhaupt zeigte sich gerade Randalu unverdächtig, mit prononciert weichem Anschlag besonders schmeichlerische Effekte im Sinne zu haben - der estnische Pianist demonstriert bei aller gekonnten Klangfarbenmalerei stets einen Hang zur klaren Artikulation und Struktur. Gleichwohl war das keinesfalls ein Abend, der nur das Hirn und nicht das Herz ansprach: Die beiden Musiker, die sich als Duo Grupa Janke Randalu nennen, schaffen in Pullach immer wieder schöne poetische Momente und magische, mitunter fast fremdartig anmutende Klangräume. Gleich das erste Stück inklusive einer Bearbeitung des Jazz-Standards "Cherokee" entführt das Publikum mittels Mouth Percussion, imitierter Vogelgeräusche und Trommeln sowie pianistischer Farbtupfer in eine natürliche Klanglandschaft. Bodek Janke, 1979 als Sohn polnisch-russischer Musiker in Warschau geboren, aber in Deutschland aufgewachsen, zeigt hier schon seine erstaunliche Vielseitigkeit als Perkussionist, der von Schlagzeug bis Tabla (indische Kesseltrommel) allerlei Instrumente meisterhaft beherrscht. Erstaunliche Nuancen entlockt er seinen diversen Trommeln und Becken, die Lässigkeit seiner manuellen Fähigkeiten ist beeindruckend.

Das gleiche gilt für den 1978 in Tallin geborenen Randalu, der Janke schon seit der Schulzeit in Karlsruhe kennt. Ebenfalls Sohn zweier Musiker hat der Este, der lange in Deutschland lebte und studiert hat, aber nicht nur großartige technische Fähigkeiten, sondern zeigt auch eine hohe musikalische Intelligenz, die oft mit scheinbarer Leichtigkeit daherkommt. Versierte Tempo- und Groovewechsel bestimmen generell den Abend und ein Dialog, der von Klangfarbenreichtum wie Klangfülle geprägt ist. "Wir sind ein Jazz-Quartett ohne Bass und Saxofon", erklärt Janke verschmitzt. Das Programm, das die beiden vielfach ausgezeichneten Musiker präsentieren - Randalu hat unter anderem den Solo-Piano-Wettbewerb des Montreux Jazz Festival und den Jazzpreis Baden-Württemberg gewonnen, Janke wurde ebenfalls mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet und gewann beim Neuen Deutschen Jazzpreis den Solistenpreis -, ist anspruchsvoll, aber es hat Wiederkennungswert. So sind neben nicht so vertrauten World-Jazz-Klängen auch Melodien bekannter Jazz-Standards zu hören. Randalu und Janke nennen ihr aktuelles Repertoire "Double Standards", weil sie Klassiker wie Chet Bakers "I fall in love too easily" oder das 1959 erstmals vom Dave Brubeck Quartet aufgenommene "Take Five" auf ihre Art und Weise neu interpretieren.

Vertrackte Rhythmik, eleganter Groove, teils atemberaubende Tempi und sensible tonale Impressionen - das scheint ihnen alles leicht von der Hand zu gehen. Nicht zuletzt auch bei der Interpretation von Randalus Eigenkompositionen zeigen die beiden, dass sie polyglotte Virtuosen der Sprache sind, die überall verstanden wird: der Sprache der (Welt-)Musik. Quasi alle Facetten ihres Könnens demonstrieren sie stimmungsvoll beim letzten offiziellen Stück des Abends, Herbie Hancocks "Cantaloupe Island": sphärischer Beginn, dann mitreißender Jazz-Rock, immer wieder eingebettet in avantgardistische Farben.