bedeckt München
vgwortpixel

Konzert:Warm timbrierte Ironie

Ihre kraftvoll-sinnliche Stimme spielt in ihren Songs zugleich die Rolle der wissenden Erzählerin als auch die der lockenden Verführerin: Pat Appleton.

(Foto: Claus Schunk)

Die Jazz-Sängerin Pat Appleton tritt mit ihrer Band in Pullach auf und kombiniert elegante Nonchalance mit pointiertem Humor

Die Vorhänge im Pullacher Bürgerhaus sind zugezogen, die Tische in lockeren Abständen aufgestellt und das Licht gedimmt: Auf die Bühne tritt Pat Appleton in einem schwarzen Kleid, und man glaubt schon jetzt, den schelmisch-ironischen Unterton in ihren Gesichtszügen zu lesen, der ihre Stücke an diesem Abend kennzeichnet. Sie ist von Beginn an präsent, entfaltet verführerisches Charisma und wirkt mit ihren Bewegungen doch nicht anzüglich. Die von der Kritik viel gelobte Sängerin lebt ihren eigenen Stil und hat es nicht nötig, wie sie selbst sagt, mit dem Po zu wackeln oder auf nackte Haut zu setzen.

Ihr Programm ist damit auch schon zur Hälfte bestimmt: selbstbewusste Texte, die lyrische Momente atmen, denen aber auch leichter Humor inne wohnt. Die andere Hälfte ist das, was ihre warm timbrierte Stimme beiträgt - unterstützt von den versiert und lebhaft agierenden Bandmitgliedern an Schlagzeug, Klavier, Bass und Trompete. Bühnenerfahrung hat die gebürtige Aachenerin reichlich, die mit sechs Jahren in das Heimatland ihres Vaters übersiedelte, nach Liberia, und schließlich in Berlin landete. Bereits 1999 erreichte sie als Sängerin der Band De-Phazz mit "Mambo Craze" eine gewisse Berühmtheit, mittlerweile hat sie drei eigene Alben veröffentlicht und kann es sich leisten, zynische Pointen mit eleganter Nonchalance zu kombinieren.

So auch an diesem Abend. Mit ihrer kraftvoll-sinnlichen Altstimme lässt sie den Zuhörer eintauchen in ihre freundliche, manchmal aber auch schmerzhaft offene Welt. Selbst der Suizid findet seine künstlerische Bearbeitung, in dem Song "Abstract": "The purpose of your mind is abstract, you better think before you act." Doch dieser tiefe Grund wird wiederum überspült von einer musikalisch reizvoll ausgestalteten Welt der Absurditäten, Freuden und der wie eine Universalwaffe eingesetzten Ironie. Eine Welt, in der die flanierende Bohemienne voll zu Wort kommt, in ihren Beobachtungen von Schwänen, die sich in Plastikebenbilder ihrer selbst verlieben, oder einem Kirschbaum, der sich an einem nur für Autos gebauten, unmenschlich wirkenden Ort in Berlin versteckt und jedes Frühjahr trotzig seine Blüten zeigt.

Dabei spielt ihre Stimme sowohl die Rolle der wissenden Erzählerin, die über sich selbst spricht, andere Sichtweisen einnimmt und ironisch konterkariert, als auch die der lockenden Verführerin, die weniger das erotische Moment ausnutzt, sondern mehr die zwischen sanft schaukelnder Komfortzone und fordernder Emphase liegende Wirkung ihrer Stücke realisiert - poetisch und humorvoll zugleich. Dabei darf mal das Klavier solistisch seine Wege gehen wie beim Buena Vista Social Club und mal die Trompete mit einem beunruhigenden Ostinato einen Abgesang spielen, über den sich Appleton mit dichten Gesangspassagen hinwegsetzt und an Aretha Franklin erinnernd singt: "I dream of paradise". Hier wirken Klangfarben und Rhythmik von Klavier und Schlagzeug kontrastiv zur kontrolliert abfallenden Stimme Appletons, bis die Trompete plötzlich ausbricht aus ihrem monotonen Käfig und mit einer langen, melodiösen Linie das Stück beendet.

Tatsächlich setzt sich Appleton mit ihrem Programm ab von dem möglichen Vorwurf, vor lauter Lässigkeit nur unverbindlich zu sein. Denn wer so konkret von fremden Leben berichtet, in die das Ich sich rettet, um vor den eigenen Problemen zu fliehen, hat den Eskapismus bereits als Motiv entdeckt, und sich damit formal von ihm befreit. Jedenfalls bleibt dieser Eindruck größtenteils erhalten über den Abend, lediglich "The Blame Game" und "A Dangerous Thing" in der zweiten Hälfte klingen dann eher nach entspannter Barmusik, die man auch mit einem Ohr hören könnte, was aber in letzterem Falle, wo man sich Chet Baker leicht hinzudenken könnte, kein Schaden ist.

Die Liebe spielt jedenfalls eine große Rolle in Appletons Werk, sie wird in vielen Facetten thematisiert und verarbeitet. "A Dangerous Thing" handelt vom größten aller Gefühle und besingt die allgegenwärtige Kraft der Liebe treffend mit Passagen wie "love flows by the gallon", während in einem anderen Song der Liebende plötzlich Stalker ist und sein Objekt der Begierde für den Zuhörer amüsant aber auch erschreckend anspricht: "I know who you are". Lacher und verstörte Blicke wären an dieser Stelle gleichermaßen angebracht, und Appleton scheint es auch so zu wollen.

Der mühelos wirkende Auftritt der Sängerin ist aber auch darum so reizvoll, weil bestimmte Effekte ihr eigenes Vorzeichen nicht direkt vom bezeichnenden Gefühl her beziehen - die pathologische Liebe des Stalkers beispielsweise -, sondern in der künstlerischen Bearbeitung umgekehrt werden. Ein Verfahren, das musikalisch nicht zuletzt dank des Einsatzes von Martin Auer an der Trompete - der mit wildem und schrillem Gestus ebenso aufwarten kann wie mit kontrollierter Selbstbeherrschung - stilvoll in Szene gesetzt wird.