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Konzert in Grünwald:Hommage ans Hosenträgerklavier

Die französischen Musiker Felicien Brut, Édouard Macarez und das "Quatuor Hermès" begeistern mit ihrem vielfältigen Klangkosmos die Zuhörer in Grünwald. Hier verschmilzt folkloristisch-romantische Unterhaltungsmusik mit klassischen Welten

In dem Film "Barry Maguire - Spiel des Lebens" gesteht die schwer verliebte Renée Zellweger ihrem Gegenüber Tom Cruise, nachdem dieser einen sehr langen, sehr beredten Monolog endlich beendet hat: "Du hattest mich schon beim Hallo." Auch das "Hallo" respektive "Salut", mit dem Félicien Brut, Édouard Macarez und dem "Quatuor Hermès" ihr Konzert im August-Everding-Saal eröffneten, geriet so unwiderstehlich, dass die sechs Musiker ihr merklich begeistertes Publikum quasi gleich "hatten". Ihre Version des vom großen Chansonnier Jacques Brel geschrieben Lieds "Vesoul" zeitigte eine ungemein mitreißende Wirkung: ein temporeiches Arrangement, das interpretatorische Finesse und Temperament gleichermaßen entfaltete - sowie einen Schuss Melancholie.

Nun hilft das schönste Entree in einen Abend oder der viel zitierte Zauber, der jedem Anfang innewohnt, letztlich auch nur wenig, wenn danach lediglich Mittelmaß oder Triviales folgt. Das war an diesem wunderbaren Konzertabend unter dem Motto "Le Pari de Bretelles" freilich nicht der Fall: Die Veranstaltung in der Reihe "Klassik Plus" war zum einen eine Hommage an das Akkordeon, das früher gerne mal "Piano à Bretelles", also etwa "Hosenträgerklavier", genannt wurde und als gleichsam französischstes aller Instrumente im 19. Jahrhundert zum Hauptinstrument der "Valse Musette" wurde, eines Volkstanzes im Walzertakt, dem man sich durch die vielen überdrehten Triolen kaum entziehen kann.

Die Musiker fesselten das Publikum im August-Everding-Saal.

(Foto: Claus Schunk)

Félicien Brut, der von fünf großartigen Musikern flankierte Spiritus Rector des Abends ist ein meisterhafter Akkordeonist, der freilich die Grenzen der folkloristisch-romantischen Unterhaltungsmusik versiert überschreitet respektive sie lustvoll mit den klassischen Welten verschmilzt.

Schon das zweite Stück, die "Petite Suite Française" von Richard Galliano, ist ein gutes Exempel dafür. Der 1950 geborenen Galliano gilt als Schöpfer der Musette Neuve, welche die traditionelle französische Musette mit Jazzelementen verbindet. Brut und die Streicher des international renommierten und vielfach ausgezeichneten Quatuor Hermès - Omer Bouchez, Elise Liu (Geige), Yung-Hsin Lou Chang (Viola) und Anthony Kondo (Cello) - sowie Kontrabassist Édouard Macarez schaffen es, diese packende Klangfarbenvielfalt und rhythmischen Kombinationen fesselnd zu transportieren. Scharfe Töne erinnern zu Beginn an den Tango Nuevo, mitunter schleichen sich folkloristisch anmutende Melodien ein, doch diese durchaus ironischen Zitate gehen flott wieder über in suggestives, essenzielles Forcieren oder federnd-tänzerische Passagen.

Die Klangfarbigkeit des Akkordeons und der Streicher harmoniert dabei erstaunlich gut, die Melodieführung fließt mitunter geschmeidig und weich über von den Violinen zu Bruts Instrument. Überhaupt überzeugt die Phrasierungsintelligenz der sechs Musiker, die etwa auch bei Prokofjews "Ouvertüre über Hebräische Themen" oder Gershwins "American in Paris" humorvoll swingen, lustvoll Pizzikati setzen und eine federnde Dynamik entfalten, ohne dabei seicht oder gar schludrig zu agieren. Mit Astor Piazzollas "Milonga de Ángel" endet der erste Konzertteil eher düster-melancholisch - stark, welche wehmütige Schärfe hier Brut aus seinem Instrument holt. Das Bandoneon als Tango-Instrument par excellence vermisst man jedenfalls nicht.

Akkordeonist Félicien Brut und Omer Bouchez sowie Elise Liu vom Quatuor Hermès.

(Foto: Claus Schunk)

Nach der Pause dialogisieren Brut und Macarez versiert beim "Tango pour Claude" von Galliano, ehe der Akkordeonist, der alles andere als Ressentiments gegen populäre Musik pflegt, solo ein Medley aus Chansons spielt, darunter Edith Piafs "Sous le Ciel de Paris". Der in der Auvergne geborene Musiker zeigt übrigens auch als Moderator Charme, kündigt die Stücke auf Deutsch an, in dem er von einem Zettel abliest - und schwenkt dann doch wieder schnell ins vertraute Französisch um.

Brut selbst ist nebenbei auch passionierter Pädagoge, der die Leidenschaft für sein Instrument befeuern will, und Förderer zeitgenössischer Musik. So erwuchs auch die Zusammenarbeit mit Thibault Perrine, der für ihn, das Quatuor Hérmes und Macarez ein Stück ("Suite Musette") schrieb, das zum Abschluss des Programms zu hören war. Schön, wie sich auch hier, in fünf kurzen Sätzen, ein vielfältiger Klangkosmos entbreitete: humorvoll, mitunter dissonant, süffig, ironisch-romantisch, elegisch. Die Zuhörer waren partiell so angetan, dass sie sogar mal zwischen den Sätzen klatschten - die sechs Musiker hatten das Publikum bis zum Schluss.