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Kommunalwahl:Tartu, Teheran, Sauerlach

Sein Herz schlägt für die Löwen: der Sauerlacher Babak Afshar.

(Foto: Claus Schunk)

Babak Afshar hat seinen IT-Job an den Nagel gehängt, um Spielerberater im Fußball zu werden. Später managte er erst einen estnischen Erstligisten, dann einen Traditionsverein in Iran, wo sein Vater herkommt. Jetzt kandidiert er als Bürgermeister.

Sollte Babak Afshar im März tatsächlich zum Bürgermeister von Sauerlach gewählt werden - wobei der SPD-Kandidat selbst wissen wird, wie unwahrscheinlich das ist -, dann wäre dies eine erstaunliche Wendung in seinem an erstaunlichen Wendungen wahrlich nicht armen Leben. Zumal Afshar, wenn alles nach Plan verlaufen wäre, noch bis 2021 als Sportdirektor die Geschicke des ältesten Fußballvereins in Iran lenken würde, des Rah Ahan FC. Eine "iranische Version von Red Bull Salzburg" sei dem schwerreichen Besitzer des Klubs vorgeschwebt, als er ihn 2016 mit einem Fünf-Jahres-Vertrag nach Teheran lockte, erzählt Afshar. Doch schon nach acht Monaten kam der Geldgeber in "politische Schwierigkeiten" und sein Verein musste Konkurs anmelden, woraufhin der Fußballmanager nach Sauerlach heimkehrte, wo er nun also ins Rathaus einziehen will.

Gerade mal 47 Jahre alt ist Babak Afshar - und doch birgt sein Leben schon genug Stoff und Anekdoten, um ganze Bücher zu füllen. Zumal der Mann mit der Glatze ein formidabler Erzähler ist, der überdies keine Scheu hat, von sich und seinem Werdegang zu berichten. 1972 wurde Afshar in Harlaching geboren, als Sohn einer Münchnerin und eines Bauingenieurs aus Teheran. "Hätte sich meine Mutter damals durchgesetzt, würde ich heute Daniel Herrmann heißen", sagt Babak Afshar - wohl wissend, dass ihm dieser Name zig Nachfragen erspart hätte, die ihn gerade als Teenager nervten.

Denn nachdem die Familie von 1974 bis 1980 in Iran gelebt hatte, kehrte sie nach dem Sturz des Schahs nach München zurück, wo Afshar in seiner Grundschulzeit und später am Gymnasium immer wieder eine Frage begegnete: Woher kommst du?

Seinerzeit habe er mitunter geantwortet: "Aus dem Bauch meiner Mutter." Oder: "Aus dem Harlachinger Krankenhaus." Mit Humor versuchte er, die Kränkung zu überspielen. "Ich hatte schon ein bisschen eine Identitätskrise", sagt Afshar rückblickend. Heute störe ihn die Frage aber nicht mehr. "Ich weiß ja", sagt er, "dass die Leute eigentlich nicht wissen wollen, woher ich bin, sondern woher mein Vater kommt." Nach dem Abitur und einem Auslandsaufenthalt in den USA begann er ein Studium als Wirtschaftsingenieur, das er jedoch bald wieder abbrach, nachdem er über einen Nebenjob in die IT-Branche gerutscht war. Dort machte Babak Afshar Karriere, erst bei einer Firma und später als Selbstständiger mit mehr als einem Dutzend Angestellten. Doch das war ihm nicht genug, weshalb er 2006 eine neue Herausforderung suchte: "Ich wollte unbedingt im Fußballbereich arbeiten", sagt Afshar. Und so legte er die Prüfung zum lizensierten Spielerberater ab und begann - parallel zu seinem IT-Job - Kicker aus halb Europa zu betreuen und von Klub zu Klub zu transferieren. Sein erster Deal ging freilich schief: Ein Fußballer, der eigentlich in Estland vorspielen sollte, weigerte sich am Tag der Abreise in den Flieger zu steigen - aus Flugangst. Und so kam Afshar allein in Tallinn an, was sich im Nachhinein aber als Glücksfall erwies. Denn dort knüpfte der Spielerberater Kontakte zu mehreren Kickern, die er später nach Finnland, Slowenien und Ungarn vermittelte.

Schon bald galt Afshar als Experte für den Fußball in Estland, und auch privat fand er dort sein Glück: Im Flieger in das baltische Land lernte er seine spätere Ehefrau kennen - eine Estin, mit der er seit gut zehn Jahren in Sauerlach lebt.

2012 hängte Babak Afshar seinen IT-Job an den Nagel und konzentrierte sich fortan ganz auf seine Arbeit als Spielerberater - und als Sportdirektor des estnischen Klubs Tammeka Tartu. Bei dem Erstligisten waren seine Ehefrau und er 2009 als Gesellschafter eingestiegen; fünf Jahre lang leiteten sie die Geschicke des Vereins - von Sauerlach aus. "Wir sind ständig hin- und hergeflogen, das war eine extreme Zeit", sagt Afshar. Doch was anfangs als Investment gedacht war, entwickelte sich schnell zu "unserem Baby". Einen Fußballklub zu führen, dabei auf die richtigen Mitarbeiter und Spieler zu setzen, den Druck der Presse auszuhalten und die Finanzen im Blick zu haben - all diese Aufgaben, die er von seiner Arbeit bei Tammeka Tartu kenne, seien ganz ähnlich zu denen eines Bürgermeisters, findet Babak Afshar.

Dass er nun als SPD-Kandidat genau dieses Amt anstrebt, liege nicht zuletzt an seiner Tochter Ariane, die vor 14 Monaten zur Welt gekommen ist. Seither fliege er nicht mehr durch die halbe Welt, sondern konzentriere sich als Spielerberater auf den Raum Deutschland, Österreich und Tschechien - "also alles, was innerhalb eines Tagestrips erreichbar ist".

Vom ITler zum Fußballmanager - und nun also Bürgermeister? "Mir ist klar, dass ich in der Außenseiterolle bin, wahrscheinlich sogar auf Position vier", sagt Afshar mit Blick auf Amtsinhaberin Barbara Bogner (Unabhängige Bürgervereinigung) und die Mitbewerber Hubert Zellner (CSU) sowie Ursula Gresser (FDP). Unabhängig davon sei es sein Ziel, "einen anderen Blickwinkel" in die Lokalpolitik zu bringen - nicht nur im Wahlkampf, sondern auch danach, womöglich im Gemeinderat, für den er ganz oben auf der SPD-Liste kandidiert.

Schließlich gibt sich der 47-Jährige überzeugt, dass man aus Sauerlach "deutlich mehr herausholen kann", vor allem was die Gewerbesteuereinnahmen angehe. Es gebe viel ungenutztes Potenzial im Ort, sagt er - eine Umschreibung, die fraglos auch auf seinen Herzensklubs zutrifft, den TSV 1860 München. Was wahrscheinlicher ist: dass die Löwen bald wieder um die Meisterschaft spielen oder er Bürgermeister wird? Auf diese etwas ketzerische Frage antwortet Babak Afshar mit einem sanften Lächeln, ehe er sagt: "Da ist sicher wahrscheinlicher, dass ich Bürgermeister werde. Ich will auf jeden Fall gewinnen."

© SZ vom 29.01.2020
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