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Kommunalwahl in Unterschleißheim:Kampf um die Mitte

Ein Herz für Unterschleißheim haben sie alle: Die vier Bürgermeisterkandidaten Tino Schlagintweit, Martin Reichart, Stefan Krimmer und Christoph Böck sowie Moderator Edward Bednarek (von rechts), der bei der Podiumsdiskussion im Bürgerhaus durch den Abend führte. Doch nur einer der Bewerber kann ins Rathaus einziehen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei der Podiumsdiskussion der Unterschleißheimer Bürgermeister­kandidaten zu sozialen Themen werden Unterschiede deutlich. Vor allem SPD-Amtsinhaber Christoph Böck und Herausforderer Stefan Krimmer von der CSU arbeiten sich aneinander ab.

Der erste, der angreift, ist der Amtsinhaber. Bürgermeister Christoph Böck (SPD) dreht sich nach links zu seinem Hauptgegner. "Ich verstehe nicht, warum die CSU dagegen gestimmt hat. So weit sind wir doch nicht auseinander", sagt er in Richtung des Zweiten Bürgermeisters Stefan Krimmer (CSU). Der erwidert: "Es muss verständlich sein, dass wir dagegen stimmen. Wir hatten das Infrastrukturproblem schon 2016 angesprochen." Bei dem Schlagabtausch geht es um die Pläne für die neue Stadtmitte, und damit auch um die Zukunft des Wohnens in Unterschleißheim. Und vor allem um die Bürgermeisterwahl am 15. März.

Die vier Bürgermeisterkandidaten Christoph Böck (SPD), Stefan Krimmer von der CSU, Martin Reichart (Freie Bürgerschaft) und Tino Schlagintweit (Grüne) stehen an diesem Freitagabend auf der Bühne des Festsaals im Unterschleißheimer Bürgerhaus. Der Ortsverband der Arbeiterwohlfahrt hat zur Podiumsdiskussion geladen und etwa 180 Unterschleißheimer sind gekommen, um sich anzuhören, was die Bewerber vor allem zu den Themen bezahlbares Wohnen, Familien, Senioren, Schulen und Ehrenamt zu sagen haben.

Bei bezahlbarem Wohnraum und gleichzeitigem Schutz von Grünflächen gehen die Meinungen auseinander

Ich verstehe nicht, wie ein 13-stöckiges Hotel das Wohnproblem in Unterschleißheim lösen soll", sagt Krimmer zur neuen Stadtmitte. Laut dem im vergangenen Dezember vom Stadtrat gebilligten Entwurf soll hier ein Hotel- und ein Wohnkomplex mit zwei etwa 40 Meter hohen Türmen entstehen. Es ist für Böck eines seiner zentralen Themen im Wahlkampf, daher geht sein Gegner auch in die Offensive. Krimmer kritisiert die Höhe der Neubauten und fehlende Vorschläge zur Anpassung der Verkehrsinfrastruktur.

Böck setzt zum Konter an und präsentiert einen fünf Jahre alten Antrag der CSU. Damals hatten die Christsozialen ein Gebiet südlich des Klosterfeldes als Baufläche vorgeschlagen, aber ohne ein Konzept zur verkehrlichen Erschließung, sagt Böck: "Wo war denn da der Vorschlag?" Zunächst müsse im innerstädtischen Bereich nach Flächen gesucht werden, bevor weiter nach außen gebaut wird, sagt er und erhält dafür viel Applaus. Krimmers Vorschlag, das Areal der Michael-Ende-Schule für bezahlbaren Wohnraum zu nutzen, lehnt Böck ab. Dieses solle für kommunale Zwecke verwendet werden.

Der Bürgermeister nennt das zukünftige Wohnquartier am Business Campus als Beispiel für sinnvolle Wohnungsbaupolitik. Dort würden Gewerbe- in Wohnflächen umgewandelt. Mit dieser Position ist er nah bei den Vorstellungen der Grünen. Deren Kandidat Tino Schlagintweit sagt auf die Frage des Awo-Vorsitzenden und Moderators Edward Bednarek, wie er Wohnraum schaffen wolle, ohne Grünflächen zu opfern: Es müssten Flächen bebaut werden, die bereits für andere Zwecke genutzt würden. Etwa Gewerbegebiete. In dieser Hinsicht sei der geplante Gewerbepark Koryfeum - ein weiteres Großprojekt von Bürgermeister Böck - eine "vergebene Chance für bezahlbaren Wohnraum" gewesen. "Wir dürfen uns von kommerziellen Interessen nicht überrollen lassen", sagt Schlagintweit.

Martin Reichart verweist darauf, wie wichtig für ihn die Kombination aus Arbeit und Wohnen ist: Wer in Unterschleißheim arbeitet, solle im besten Fall auch hier wohnen können, sagt er. Nur so könnten Verkehr und Infrastruktur das Wachstum der Stadt aushalten. Allerdings sei dies in den vergangenen Jahren "verschlafen worden", sagt Reichart, Unterschleißheim aber könne sich dem Wachstum nicht entziehen. Auch deshalb kämen Grünflächen als Bauflächen infrage: "Es ist absolut nicht sozial, keine Wohnungen zu bauen." Die Menschen, die in Zukunft nach Unterschleißheim kommen werden, sollen "eingefangen" und das "Verhältnis zwischen Wohnen und Arbeiten" umgedreht werden, sagt der Kandidat.

Von dieser Haltung ist der Grüne Schlagintweit weit entfernt: "Werkswohnungen gibt es nicht mehr, Menschen sind mobil", sagt er. Und diejenigen, die zum Arbeiten nach Unterschleißheim ziehen, "bleiben keine 30 Jahre hier". Das sieht eine der Zuhörerinnen ganz anders: "Doch, ich bin schon seit 28 Jahren hier", sagt sie zu ihrer Sitznachbarin und lacht.

In Unterschleißheim können viele Kindergartenplätze aufgrund von Personalmangel nicht vergeben werden

Wie sehr das Thema Wohnen die Politik in Unterschleißheim prägt, zeigt sich darin, dass gewissermaßen alle anderen Sozialthemen immer wieder in einer Diskussion über Wohn- und Bauflächen münden. Etwa auch, als es um junge Familien geht. Moderator Bednarek spricht das Problem der fehlenden Betreuungsplätze an. In Unterschleißheim könnten derzeit 61 Kindergartenplätze aufgrund von Personalmangel nicht vergeben werden. Bürgermeister Böck sagt, der Wohnungsmangel sei das Problem, Erzieherinnen würden keinen bezahlbaren Wohnraum finden.

Auch beim Thema Ehrenamt geht es in eine ähnliche Richtung. Bednarek spricht Krimmer auf den Antrag der CSU für ein neues "Haus der Vereine" an. Krimmer schlägt vor, die Stadt soll in diesem Punkt wie ein Privatunternehmen denken und das Haus von einem Dritten bauen lassen - in einer Private-Public-Partnership.

Die Debatte wandert dann aber schnell zu Unterschleißheims Problemhaus, dem Ballhausforum, das mit dem Konzept einer Private-Public-Partnership zu CSU-Zeiten errichtet wurde. Krimmer hält das Gebäude nach wie vor für "eine Riesenentwicklungsmöglichkeit" für die Stadt. Zudem bringe es der Stadt "regelmäßige Mieteinnahmen". Eine Steilvorlage für Amtsinhaber Böck: "Aber die Ausgaben sind deutlich höher. Es wird kein weiteres PPP-Modell geben", erwidert er.

Gegen Ende des Abends werden die Töne wieder versöhnlicher. Böck unterstreicht, wie wichtig es auch in Unterschleißheim sei, die Gemeinschaft zu stärken - auch und gerade im Lichte des rassistischen Anschlags von Hanau.

Die nächste und letzte Podiumsdiskussion findet am Dienstag, 3. März, von 19 Uhr an, im Jugendkulturhaus Gleis 1 statt.

© SZ vom 24.02.2020
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