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Kommunalwahl in Kirchheim:Kompetenz statt Coolness

Heimstetten, Gasthof Eberle, Philipp Amthor, MdB kommt auf Einladung des Kreisverbands der Jungen Union

Für seinen Auftritt in Kirchheim tauscht Philipp Amthor den Anzug gegen den Trachtenjanker.

(Foto: Angelika Bardehle)

Philipp Amthor gibt der JU-nahen Liste "Generation Zukunft" in Kirchheim Tipps

Er sehe aus wie Biene Majas Freund Willi, schrieb das Online-Magazin Vice. Er sei der "älteste 26-Jährige der Welt", sagte der Komiker Oliver Welke. Er werde vermutlich für immer Jungfrau bleiben, verkündete eine Sex-Youtuberin. Der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor trägt meist Maßanzug mit Deutschlandfähnchen am Revers, sein Scheitel sitzt akkurat. Für sein Äußeres wurde er verlacht und verspottet. Und selbst als er mehr als 600 Kilometer von Berlin nach Kirchheim zurücklegt, um Hilfe im Wahlkampf zu leisten, beginnt der Abend mit einem Witz. Sogar die Elftklässler, die seine Frau unterrichte, hätten sie darauf angesprochen, dass Philipp Amthor in den Landkreis komme, kündigt ihn der CSU-Abgeordnete Florian Hahn an. "So richtig cool finden sie ihn ja nicht, aber sie meinen: Er wird trotzdem der nächste Bundeskanzler."

Bei der Europawahl vergangenes Jahr machten nur elf Prozent der Erstwähler ihr Kreuz bei der CDU. Wie "cool" müssen junge Menschen also sein, um erfolgreich Politik machen zu können? Eine Frage, die in Kirchheim vielleicht besonders spannend ist. Hier hat sich für die Kommunalwahl eine neue Liste mit dem Titel "Generation Zukunft" gegründet. Alle Kandidaten darauf sind maximal Anfang 30, viele davon sind Mitglieder der Jungen Union - und bei einem Abend mit Philipp Amthor in ihrer Heimatgemeinde natürlich auch anwesend. Dieser hat - das kann man in dem Wirtshaus deutlich spüren - inzwischen Kultstatus. Der Saal ist voll und es ist so stickig, dass einer kollabiert und der Notarzt kommen muss. Da sind viele junge Männer in Trachtenwesten, die einen ähnlichen Coolness-Faktor wie Amthor versprühen, der für diesen Abend den Anzug mit der Trachtenjacke getauscht hat. Aber auch eine junge Frau mit Mütze und Parka lässt sich ein Autogramm geben.

"Ein Politiker muss nicht cool sein", sagt Michael Dirl. Er ist JU-Vorsitzender in Kirchheim und hatte die Idee, durch eine neue Liste mehr junge Menschen in den Gemeinderat zu bringen. "Es geht schließlich um die Themen und die Inhalte." Eine Strategie, die auch Philipp Amthor verfolgt. Möglichst viel gute Laune versprühen und möglichst große inhaltliche Kompetenz zeigen, gab er als Rezept aus, um Grüne und AfD in den künftigen Wahlkämpfen zu schlagen. Beide Parteien seien populistisch und würden auf die Angst der Menschen setzen, sagt Amthor, die einen vor dem Klimawandel, die anderen vor dem Fremden.

Fast zwei Stunden lang zeigt Amthor, egal, ob es um Abschiebungszahlen oder komplizierte Bestimmungen wie das Planungsbeschleunigungsgesetz ging, dass er sich tatsächlich akribisch mit Inhalten befasst. Doch was, will der Feldkirchner Bürgermeisterkandidat Stefan Seiffert wissen, könnten eigene CSU-Themen sein? "Ich habe das Gefühl, dass wir oft den Grünen und der AfD hinterhergelaufen sind", sagt er.

Amthor nennt die allgemeine Dienstpflicht, bei der junge Männer und Frauen gemeinnützige Arbeit leisten sollen. Er betont, dass Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müsse - auch durch ein starkes Militär. Doch um Wahlen zu gewinnen, brauche es vor allem eines: eine klare Haltung. "Franz Josef Strauß würde wahrscheinlich jeden Tag einen Shitstorm auslösen und es würde ihn nicht stören."

Seine Meinung klar zu vertreten, auch wenn sie nicht der Mehrheit entspreche - das könne die junge Liste in Kirchheim von Amthor lernen, meint der Kirchheimer JU-Vorsitzende Dirl. Unbequem klingen seine Vorschläge für Kirchheim jedoch nicht: WGs und Treffpunkte für junge Menschen schaffen, etwa ein Bistro und eine Open-Air-Bühne im Ortspark und einen neuen Kiosk am Heimstettener See. Ob er mit diesen Ideen Wahlkampf machen kann, steht allerdings noch nicht fest. Um die 30 Unterschriften fehlen noch, damit seine Liste "Generation Zukunft" zur Wahl zu gelassen wird. "Aber das", glaubt Dirl, "kriegen wir hin."

© SZ vom 23.01.2020
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