bedeckt München 31°

Kommunalwahl in Grasbrunn:Wahlkampf mit Déjà-vu

Grasbrunn, Kreuzung beim Forstwirt

Der Verkehr wird zum Wahlkampfthema in Grasbrunn.

(Foto: Angelika Bardehle)

Wie schon vor sechs Jahren muss sich Grasbrunns SPD-Bürgermeister Klaus Korneder drei Herausforderern erwehren und wieder werfen diese ihm vor, nur zu verwalten statt zu gestalten. Der Amtsinhaber kontert: Wer gestalten will, muss verwalten können.

Von Lars Brunckhorst

Ein Fleischpflanzerl ist noch keine Stimme. Aber wenn jeder, der beim Burger-Essen der CSU in Grasbrunn, Harthausen und Neukeferloh eine Semmel mit Hackfleischeinlage, Tomate und Salat gegessen hat, Detlef Wildenheim und seinen Wahlkampfhelfern auch seine Stimme gibt, könnte es am 15. März - hochgerechnet - für die Mehrheit im Rathaus reichen. 440 Hamburger hat die örtliche CSU nach eigener Zählung bisher ausgegeben und sieben Termine folgen erst noch.

Wie auch immer: Der CSU-Bürgermeisterkandidat, der früh in den Wahlkampf gestartet ist, hat es mit solchen und ähnlichen Aktionen geschafft, dass der Ort über ihn spricht. Was auch sein Ziel sein muss, denn der 50-jährige Verkaufsleiter muss sich im Gegensatz zu SPD-Amtsinhaber Klaus Korneder und Johannes Seitner, dem Kandidaten der Freien Wählergemeinschaft (FWG), der noch dazu am Ort aufgewachsen ist, erst noch bekannt machen. Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern hat Wildenheim zudem bisher kein Mandat im Gemeinderat und war politisch nur einmal vor ein paar Jahren aufgefallen: durch eine Flugblattaktion gegen Flüchtlinge.

Aber auch FWG-Mann Seitner gibt seit Jahresbeginn Gas: Ob Weißwurstfrühstück, Kaffeeklatsch oder Informationsveranstaltung zum Breitbandausbau - der 32-Jährige und die Freien Wähler ziehen durch die Ortsteile. Keine Frage: Da sind zwei Bewerber, die sich nicht nur als Zählkandidaten sehen, die die Parteifahne hochhalten, sondern die wirklich Bürgermeister werden wollen.

Vom Amtsinhaber und seiner SPD war bis Sonntag dagegen nichts zu sehen und zu hören. Über Nacht dann haben Wahlkampfhelfer der SPD die Gemeinde mit Plakaten zugepflastert. Damit ist der Wahlkampf nun für jedermann sichtbar eröffnet. "Ich habe für Wahlkampf eigentlich keine Zeit", bekennt Klaus Korneder. Aktuell stünden so viele Projekte wie lange nicht mehr, da könne er sich keine "Ruhephase" nehmen, sagt der 53-Jährige und zählt auf: die Planung der neuen Ortsmitte von Grasbrunn, wo hinter dem Wirtshaus ein Neubaugebiet entstehen soll, das Gewerbegebiet bei Keferloh, der Vereinsstadl in Harthausen und natürlich die neue Turnhalle in Neukeferloh, deren Bau möglichst noch im März beginnen soll.

"Wahlkampf!" sagen seine Herausforderer dazu. Mit einem öffentlichkeitswirksamen Spatenstich für das von vielen ersehnte Millionenprojekt wolle der Amtsinhaber noch kurz vor dem Wahlgang punkten. Dabei hatte Korneder erst von der FWG zu dem Neubau gedrängt werden müssen. Die Freien Wähler machten solange Druck, bis auch SPD und CSU einem Neubau auf dem Schulsportgelände an der Leonhard-Stadler-Straße zustimmten - einem Projekt, das CSU-Mann Wildenheim im Übrigen für eine Fehlentscheidung hält. Eine neue, zweite Turnhalle am Sportpark, wo später vielleicht auch eine zweite Schule entstehen könnte, hätte er für zukunftsweisender gehalten. Mit dieser Idee konnte er sich aber nicht einmal bei den eigenen Parteifreunden durchsetzen.

Dafür zählt Korneder auf, was in seiner zweiten Amtszeit alles erreicht wurde: Millioneninvestitionen in Schulhaus, Feuerwehr, Kinderbetreuung und Glasfasernetz, der Kreisverkehr am Ortseingang Neukeferloh und das erste Teilstück des Radwegs zwischen Grasbrunn und Sportpark. Das alles meist mit breiter Mehrheit über Fraktionsgrenzen hinweg, weil keine Fraktion im Gemeinderat eine eigene Mehrheit hat. Trotzdem lautet der kollektive Vorwurf seiner Herausforderer, der Bürgermeister habe nicht viel vorzuweisen.

Ob Straßensanierungen, Breitbandausbau oder Radwegbau - unter Korneder sei zu wenig investiert worden. Die Folge: Die Infrastruktur verkomme. Als Beispiel gelten die jüngsten Wasserrohrbrüche. Von einem "Investitionsstau" spricht Wildenheim, von "Stillstand" die FWG. Und dann ist da noch der Verkehr, den plötzlich alle als Wahlkampfthema entdeckt haben, und die Schließung der Apotheke, die viele am Ort umtreibt. Aber reicht das aus für eine Wechselstimmung?

Zwölf Jahre seien genug, hat Otto Bußjäger, der frühere Grasbrunner Bürgermeister und jetzige Landratskandidat vergangenen Sonntag bei einer Veranstaltung der FWG ausgerufen. Ihm selbst waren nur sechs im Rathaus vergönnt. Korneder sieht das selbstverständlich anders. Er hat noch viel vor. Vor allem will er in den nächsten sechs Jahren 50 kommunale Wohnungen bauen - als Beitrag gegen die Wohnungsnot.

Wahl 2014

Bürgermeister: Klaus Korneder (SPD) gewählt mit 51,2 Prozent

Gemeinderat (20 Sitze)

CSU: 6 Sitze

SPD: 6 Sitze

FWG: 4 Sitze

Grüne: 2 Sitze

BFG: 2 Sitze

Wahlergebnis 2014

CSU: 31,3 %

SPD: 30,5 %

FWG: 19,8 %

BFG: 10,0 %

Grüne: 8,4 %

Den Slogan "Gestalten statt verwalten", den die Opposition schon vor sechs Jahren bemühte, parieren Korneder und die SPD dieses Mal gewitzt: "Wer gestalten will, muss verwalten können." Es ist eine Anspielung darauf, dass der Bürgermeister im Gegensatz zu Wildenheim und Seitner Erfahrung in der Führung einer Behörde hat. Unter ihm, dem ehemaligen Geschäfsstellenleiter im Finanzamt, habe die Gemeinde nicht nur Schulden abgebaut, sondern 15 Millionen Euro an Rücklagen angehäuft. Die Retourkutsche kommt sofort: Von dem Geld müsse jetzt auch mal etwas bei den Bürgern ankommen, sagt FWG-Sprecher Sebastian Brunner.

Eine Stichwahl ist durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen, auch weil die Grünen in ihrem langjährigen Gemeinderat Max Walleitner ebenfalls einen Bürgermeisterkandidaten haben. Damit gibt es wiederum vier Bewerber, wie schon 2014. Da hatte sich Korneder nur knapp mit 51 Prozent im ersten Wahlgang durchgesetzt. Die Frage ist, welche zwei Kandidaten es in eine mögliche Stichwahl schaffen.

Neben der Frage, wer Bürgermeister wird, geht es in Grasbrunn aber noch um eine zweite: Wer wird stärkste Fraktion? Erstmals seit 2008 wieder die CSU, die die höchste Frauenquote vorweisen kann? Oder bleibt es beim Patt mit der SPD, die überraschend viele junge Kandidaten aufbietet? Wie auch die FWG, die mit beiden gleichziehen möchte. Sechs Listen treten an: neben CSU, SPD und FWG auch wieder die Grünen und die Bürger für Grasbrunn (BFG), die sich allerdings schwer taten, ihre Listen vollzubekommen, und dieses Mal auch die FDP. Da dürfte wiederum keine Partei eine eigene Mehrheit bekommen.

Wer auch immer Bürgermeister wird: Er wird sich auch in den kommenden sechs Jahren seine Mehrheiten im Gemeinderat suchen müssen.

In einer früheren Fassung war SPD-Bürgermeister Klaus Korneder versehentlich in seinem früheren Beruf zum Finanzamtsleiter befördert worden, tatsächlich war er dort als Oberamtsrat Geschäftsstellenleiter.

Alle Berichte, Reportagen und Analysen zur Kommunalwahl unter www.sueddeutsche.de/thema/Kommunalwahl_im_Landkreis_München.

© SZ vom 03.02.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite