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Kommunalwahl im Landkreis München:Eine, die wieder aufsteht

Annette Ganssmüller-Maluche ist eine leidenschaftliche Kämpferin. Deshalb tritt die SPD-Landratskandidatin nach zwei verlorenen Wahlen erneut an. Die Ismaningerin hält sich für die Richtige zur richtigen Zeit

Jetzt also wieder Landratskandidatin. Annette Ganssmüller-Maluche startet einen neuen Anlauf zur Eroberung des Münchner Landratsamtes. Und die Ismaninger Sozialdemokratin kann sich ausrechnen, dass ein Sieg über Amtsinhaber Christoph Göbel von der CSU so gut wie ausgeschlossen ist. Göbel ist so etwas wie Everybody's Darling, beliebt, verbindlich, offen und klar in seiner Ansprache, wenn ihm die CSU-Linie nicht gefällt. Er macht sein Ding. Und SPD-Frau Ganssmüller-Maluche, die in den vergangenen sechs Jahren eine seiner Stellvertreterinnen war, hat ihn dabei unterstützt. Trotzdem: Sie will seinen Posten.

"Ich bin die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort", hat Ganssmüller-Maluche im Sommer 2018 gesagt, als sie im Stimmkreis München-Land Nord für den Landtag kandidierte. Und diese Worte gelten für sie auch heute noch. Am Ende hat es nicht gelangt, weil die SPD bei den Wahlen eine Talfahrt hinlegte, die ihresgleichen sucht. Ganssmüller-Maluche verpasste den Einzug in den Landtag - und war wie vom Donner gerührt. Diese Niederlage habe ihr sehr zugesetzt, sagt die 58-Jährige rückblickend. Viele Wochen lang sei sie wie paralysiert gewesen. "Doch das ist Geschichte", sagt sie. Ganssmüller- Maluche wäre nicht Ganssmüller-Maluche, würde sie immer noch diese Wunden lecken.

Sie gilt als Kämpferin, als eine, die wieder aufsteht und sich neue Ziele sucht. Wobei das mit der Bewerbung fürs Landratsamt ja eine Wiederholung ist. "Diese zweite Kandidatur ist ganz anders als die erste. Damals kam ich mir vor wie eine Hochstaplerin, hatte Panik und auch Angst vor dieser Aufgabe", gibt sie zu. Nun sei sie viel gelassener. Das liegt an der Erfahrung. Und vielleicht auch daran, dass sie bei der Landratswahl 2014 trotz aller Unkenrufe ein beachtliches Ergebnis einfuhr. Von vielen seinerzeit als Verlegenheitskandidatin verspottet, holte sie im ersten Wahlgang 28,4 Prozent der Stimmen und dann 44,7 Prozent in der Stichwahl gegen Göbel.

Busse und Bahn - der Nahverkehr spielt für SPD-Landratskandidatin Annette Ganssmüller-Maluche im Wahlkampf eine wichtige Rolle.

(Foto: Claus Schunk)

Dass es bei der Wahl am 15. März wieder so werden könnte, ist eher unwahrscheinlich. Mit der SPD ist derzeit kaum ein Blumentopf zu gewinnen, Göbel hat den Amtsbonus und sitzt fest im Sattel. Die Grünen schweben angesichts der Umfragen auf Wolke sieben. Ganssmüller-Maluche hält nichts davon, schwarzzumalen. "Kommunalwahlen sind immer Persönlichkeitswahlen", sagt sie. Und macht sich damit vielleicht ein bisschen selber Mut. Da ist sie wieder die Kämpferin. "Ich bin der Überzeugung, ich wäre eine gute Landrätin", unterstreicht die Ismaningerin. "Ich habe die Bereitschaft, mich auseinanderzusetzen."

Auch wenn sie als Göbels Stellvertreterin mit dem Amtsinhaber in den vergangenen sechs Jahren gut zusammengearbeitet hat, sieht sie durchaus Stellschrauben, an denen man drehen könnte: So könne es nicht schaden, der Verwaltung in der Kreisbehörde mehr auf die Finger zu schauen. Das Laissez-faire führe oftmals zu langen Prozessen. "Ich finde, ein Landrat oder in meinem Fall eine Landrätin müsste auch einmal auf den Tisch hauen", sagt Ganssmüller-Maluche. Kampfbereit sein und sich nicht mit dem ersten Wurf zufriedengeben - Stichwort: MVV-Tarifreform. Da habe man Göbel schon ein bisschen "zum Jagen tragen müssen", findet sie. Erst der große Aufschlag von SPD-Bürgermeistern und Lokalpolitikern aus den Nordkommunen habe aus dem "Reförmchen" eine Reform gemacht, obschon nach wie vor Optimierungsbedarf bestehe, so Annette Ganssmüller-Maluche: "Die Sozialdemokraten sind die kommunale Kraft im Landkreis München." Was sie meint: Derzeit stellt die Partei zehn Bürgermeister, im Kreistag verfügt sie über 16 Sitze der 70 Sitze. "Ein Ergebnis, das wir unbedingt halten wollen." Ob es angesichts der politischen Lage gelingt, sei dahingestellt.

Wie in den vorangegangenen Wahlkämpfen ist die Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma von zwei Enkeln aktuell permanent auf Tour im ganzen Landkreis München. Eine Aufstellungsversammlung da, ein Neujahrsempfang dort: Klappern gehört zum Handwerk, sie wirbt um Stimmen. Der Wahlkampf ist für die Ismaningerin meist eine Begegnung mit alten Bekannten. Früher als Journalistin war der Landkreisnorden ihr Revier für die Berichterstattung. Als stellvertretende Landrätin ist die SPD-Politikerin mittlerweile überall daheim.

Für den Landkreis sieht sie neben den Themen Verkehr, Wohnen, Altersarmut, Pflege und Klimaschutz vor allem die Gesundheitsfürsorge sowie die Kinder- und Jugendhilfe im Fokus. 2014 waren es die kostenlosen Busse, die sie zum Wahlkampfthema gemacht hat. Damals von vielen belächelt, stehe das Thema heute bei vielen ganz oben auf der Agenda, sagt sie. Es brauche alternative Ideen für die Mobilität in einem Landkreis, der im motorisierten Individualverkehr ersticke.

Für die Zukunft dränge es sie, für einen "gesunden Landkreis" einzustehen, vor allem was junge Menschen angeht. Hintergrund ist die jüngste DAK-Studie, wonach in Bayern 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter psychischen Erkrankungen litten. Stress und Mobbing, Leistungsdruck und Selbstoptimierung - all das seien Katalysatoren für ein ungesundes Heranwachsen. Weil der Kreis für die Jugendhilfe zuständig ist, muss er nach ihrer Ansicht hier intensiv investieren. Nötig sei "die ausreichende Versorgung mit Kinderpsychologen, damit Eltern nicht mehr monatelang auf Termine warten müssen".

Die jüngsten Zahlen der DAK seien erschreckend, sagt Ganssmüller-Maluche bei der Vorstellung der SPD-Gemeinderatskandidaten in ihrem Heimatort Ismaning. Dort sitzt sie seit 1993 im Gemeinderat und dort bewirbt sie sich auch auf Platz vier der Liste um eine Wiederwahl. Den gut hundert Besuchern versichert sie an diesem kalten Winterabend in der Hainhalle, ihre ganze Energie für Ismaning und den Landkreis zur Verfügung stellen zu wollen. Zum Schluss wird sie vor ihren Anhängern sehr persönlich: In einer Laudatio habe sie ein Parteifreund vor geraumer Zeit mit den Worten charakterisiert: "Ich kämpfe, also bin ich." Damals habe sie schlucken müssen, so die SPD-Kandidatin, aber: "Mittlerweile habe ich mich ausgesöhnt mit dieser Kämpfernatur. Ich werde diese Kraft, die ich vielleicht stärker habe als andere, einbringen für das Fortkommen des Landkreises", verspricht sie und formuliert noch eine Bitte mit einem abgewandelten Zitat des großen SPD-Politikers Herbert Wehner: "Bitte verzeiht mir ab und zu meine Leidenschaft, ich würde euch eure auch verzeihen." Das Publikum quittiert die Worte mit leidenschaftlichem Beifall.

Alle Berichte, Reportagen und Analysen zur Kommunalwahl unter www.sueddeutsche.de/thema/Kommunalwahl_im_Landkreis_München.

© SZ vom 24.01.2020
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