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Kommunalwahl im Landkreis München:Das rote Haar färbt sich schwarz-grün

Peter Paul Gantzer Andreas Bukowski

Peter Paul Gantzer vereidigt Bürgermeister Andreas Bukowski.

(Foto: privat)

Bei der Wahl des Stellvertreters von CSU-Rathauschef Andreas Bukowski setzt sich der Grüne Ulrich Leiner gegen die bisherige Zweite Bürgermeisterin Katharina Dworzak durch. Ihr bleibt nur der Posten als Dritte.

Rückblickend ergibt alles einen tieferen Sinn. Etwa die schicken Mund-Nase-Schutzmasken, die Bürgermeister Andreas Bukowski jedem Gemeinderat auf den Tisch hat legen lassen. Sie sind natürlich schwarz und kräftig leuchtet das Grün und Gelb des Logos der Gemeinde Haar. Und dann die Krawatte des ewigen CSU-Vorkämpfers gegen die SPD, Dietrich Keymer. Sie ist an diesem denkwürdigen Abend ebenfalls schwarz und grün.

Schwarz und Grün haben am Dienstag auf der konstituierenden Sitzung die lange in Haar dominierende SPD bei der Wahl der Bürgermeisterstellvertreter ins Abseits gestellt.

Gabriele Müller und ihr Vorgänger Altbürgermeister Helmut Dworzak verfolgen auf der Empore die Vereidigung des ersten CSU-Bürgermeisters in Haar.

(Foto: Claus Schunk)

Der Grüne Ulrich Leiner wurde offenkundig mit Stimmen von CSU, Grünen und auch der FDP zum Zweiten Bürgermeister gewählt. Dritter Bürgermeister wurde Katharina Dworzak von der SPD. Nicht einmal diese Wahl ging für die SPD schmerzfrei über die Bühne. Sieben Gemeinderäte verweigerten Dworzak die Zustimmung und gaben ungültige Stimmzettel ab. Die Mienen der tief frustrierten SPD-Gemeinderäte, die mit zehn Vertretern deutlich vor den Grünen mit sechs die zweitgrößte Fraktion stellen, sprachen Bände. Der neue Fraktionschef Thomas Fäth sprach von einem "sehr bedauerlichen polittaktischen Vorgehen". Gabriele Müller, die abgewählte Bürgermeisterin von der SPD, die mit Altbürgermeister Helmut Dworzak von der Empore aus das Geschehen verfolgt hatte, nannte es hinterher erstaunlich, wie viel "politisches Porzellan" in einer Sitzung zerschlagen werden könne. Sie hatte stets sehr eng mit den Grünen zusammengearbeitet. Man stand sich nah, es bestehen Freundschaften.

Gantzer vereidigt Haars ersten CSU-Bürgermeister

Doch spätestens seit diesem Dienstag ist klar, dass in Haar tatsächlich neue Zeiten angebrochen sind - eingeleitet auch durch einen bemerkenswerten ersten Auftritt des neuen Bürgermeisters Andreas Bukowski, der das Wort von der neuen Art der parteiübergreifenden Zusammenarbeit in Haar aufgriff, das zuletzt immer wieder von allen Seiten bemüht wurde. Der 81 Jahre alte Sozialdemokrat Peter Paul Gantzer, der im Bayerischen Landtag als Alterspräsident mehrmals Barbara Stamm in ihrem Amt als Landtagspräsidentin vereidigt hatte, vereidigte dieses Mal als ältestes Mitglied des Gemeinderats den 40-jährigen Bukowski als ersten CSU-Bürgermeister der Gemeinde. Bukowski hielt eine programmatische Rede, in der er Franz Kafka bemühte, als er ein hohes Lied auf die Verwaltung im Haarer Rathaus sang und den Bogen von der Tafelrunde des König Artus zum Haarer Gemeinderat schlug und zu Kooperation aufrief.

Andreas Bukowski (CSU) hat seit Dienstag zwei Stellvertreter.

(Foto: Claus Schunk)

Wie diese Zusammenarbeit nun aussehen könnte, mit dem Bund der beiden promovierten Männer Bukowski und Leiner an der Spitze, und einer SPD, die erst einmal brüskiert wurde, deutete sich in der Sitzung schon an. Da zeigte sich, dass die Grünen noch mehr als in den vergangen sechs Jahren die Fäden in der Hand haben werden. Sie sind die Mehrheitsgeber, entweder zugunsten der CSU oder der SPD. So scheiterten Bukowski und Keymer dabei, den wegen ihrer Realschul-Ambitionen wichtigen Posten des Vertreters im Zweckverband der Realschule Vaterstetten mit Gerlinde Stießberger zu besetzten. Die Grünen votierten mit der SPD und verhalfen Peter Schießl zu dem Amt.

Zum Einen ist dies Katharina Dworzak (SPD).

(Foto: Claus Schunk)

Umgekehrt unterstützte die SPD den Grünen Ton van Lier gegen die CSU als Vorsitzenden im Rechnungsprüfungsausschuss. Ob die zuletzt oft artikulierte Hoffnung sich erfüllt, dass in Zukunft in Sachthemen auch fraktionsübergreifend frei von Parteizugehörigkeit Mehrheiten gefunden werden, muss sich zeigen. Doch danach sieht es bisher eher nicht aus. Der Affront, den die SPD erlebte, hat deren Reihen geschlossen. Die Grünen stellten sich in der Vergangenheit oft gegen die CSU, weil sie deren Positionen etwa zur Zukunft der Leibstraße schlicht nicht teilten.

Zum Anderen Ulrich Leiner (Grüne).

(Foto: Claus Schunk)

Inhaltlich will Bürgermeister Bukowski die Wirtschaft ins Zentrum seiner Arbeit stellen. In den nächsten Tagen werde eine "Task Force" dazu gegründet. Es gelte, "unsere sozialen, gesellschaftlichen kulturellen und wirtschaftlichen Errungenschaften zu bewahren", sagte er. Als Herausforderungen sprach er Mobilität, Wirtschaft und Wachstum, Digitalisierung und Klimaschutz an. Letzterem soll in Haar - sicher ein Zugehen auf den grünen Partner - eine zentrale Rolle zukommen. Alles werde "unter der Prämisse des Klimaschutzes" stehen, sagte Bukowski. "Klimaschutz muss selbstverständlich werden."

Dass das Soziale in Zeiten der Corona-Krise und hoher Mieten in Bukowskis Rede nur am Rand Thema war, fiel SPD-Anhängern negativ auf. Die oft geforderte Bürgerbeteiligung wurde nur gestreift. Dafür sollen Initiativkreise zu verschiedenen Gebieten aus Reihen des Gemeinderats gebildet werden. Von dort erhoffe er sich "Ideen und Impulse", sagte Bukowski.

© SZ vom 14.05.2020/belo

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