Kommunalwahl in Grünwald:Der Erfolg und seine Väter

Kommunalwahl in Grünwald: Grünwald ist eine tolle Gemeinde - darin sind sich die Vertreter aller Fraktionen einig. Im Bild die Veranstaltung "Grünwald leuchtet" in der Ortsmitte.

Grünwald ist eine tolle Gemeinde - darin sind sich die Vertreter aller Fraktionen einig. Im Bild die Veranstaltung "Grünwald leuchtet" in der Ortsmitte.

(Foto: Claus Schunk)

In der Isartalgemeinde treten Parteifreie, Grüne, FDP und SPD mit dem gemeinsamen Ziel an, die absolute Mehrheit der CSU zu brechen. Dabei versprechen sie weniger eine andere Politik, als einen anderen Stil.

Von Claudia Wessel

Da gibt's Leute, die ein Haar in der Suppe suchen und enttäuscht sind, wenn's eine Nudel ist." Mit diesem Satz lässt sich aus Sicht von Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) die Situation in Grünwald zusammenfassen. Neusiedl ist seit 18 Jahren Bürgermeister und er möchte es auch am 15. März wieder werden. Sogar zwei Amtszeiten könnte er noch dranhängen, Neusiedl ist jetzt 58 Jahre alt und einer solchen Vorstellung keineswegs abgeneigt. Seine Gegenkandidaten sind der FDP-Gemeinderat Michael Ritz, 59, der auch Landrat werden möchte, und Sandra Gutheil, 48, von den Parteifreien Bürgern (PBG).

Aus Neusiedls Sicht spricht absolut nichts dagegen, dass er das Ruder weiter in der Hand behält. Denn Grünwald, das ist seiner Meinung nach eine einzige Erfolgsstory. "Einfach eine tolle Gemeinde", wie Neusiedl sagt. In einem eineinhalbstündigen Gespräch im Rathaus drückt er das auf unterschiedliche Weisen aus. "Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt, bevor sie uns aufgegeben wurden", sagt er über das Kinderbetreuungsangebot. "Da können wir uns auch auf die Schulter klopfen", lobt er die rechtzeitige Erweiterung des Gymnasiums. "Ich bin der Bürgermeister, der am meisten Grundstücke gekauft hat", sagt er zum gemeindlichen Wohnungsbau. "Wir sind bürgerfreundlich und unternehmerfreundlich", sagt er zum niedrigen Gewerbesteuer-Hebesatz.

Zweiter Bürgermeister Stephan Weidenbach verweist darauf, dass die Einrichtung des Nachtbusses, des kostenlosen Linientaxis, der bienenfreundlichen Blühwiesen oder der Schwimmbaderweiterung auf Anträge der CSU zurückgehen. Und Frauen-Union-Vorsitzende Sindy Loos erklärt, warum die CSU-Fraktion im Gemeinderat immer so schweigsam ist: "Wenn wir doch einer Meinung mit dem Bürgermeister sind, warum sollen wir das dann immer wieder sagen?"

Für die Leute, die das Haar in der Suppe suchen, hat Neusiedl sogar Verständnis: "Ich kenn' das ja auch - Opposition ist mühsam." Allerdings sei er dabei immer fair vorgegangen. Nein, über seine Gegner möchte er eigentlich weiter nichts sagen. Außer, dass vieles eben von Dietmar Jobst von den PBG verbreitet werde. "Der wollte damals Bürgermeister werden und hat es nicht geschafft." Eine alte Rechnung also, aus dem Jahr 2002, die noch offen ist, wie es Neusiedl wohl sieht.

Was da so verbreitet wird, ist etwa, dass Neusiedl keine Bürgersprechstunde anbietet, was stimmt, aber: "Jeder Bürger kann einen Termin mit mir ausmachen", sagt Neusiedl. Dass er ein Bürgermeister ohne Handy ist, was stimmt. "Ich erlaube mir den Luxus, nicht immer und überall erreichbar zu sein", sagt Neusiedl.

Kommunalwahl in Grünwald: undefined

Es gebe aber ein Diensthandy, das er mitnehmen könne. Auch sei sein Stellvertreter Weidenbach Handybesitzer, immer erreichbar und werde ihn informieren. Auf welchem Weg, da er kein Handy hat? Irgendwie gehe das schon, versichert Neusiedl. Und wenn mal eine Katastrophe passiert und der Bürgermeister dringend gebraucht wird? "Die meisten Katastrophen passieren nachts, da habe ich dann mein Telefon zu Hause", sagt Neusiedl.

Alle anderen im Gemeinderat vertretenen Parteien haben ein gemeinsames Ziel: die absolute Mehrheit der CSU zu brechen. Drei Gemeinderatssitze bräuchten sie dafür mehr als vor sechs Jahren. Im Café Treffpunkt im Haus der Begegnung erklären Michael Ritz (FDP), Ingrid Reinhart (Grüne), Achim Zeppenfeld (SPD), und Dietmar Jobst (PBG), dass Jan Neusiedl absolut recht hat. Grünwald sei eine tolle Gemeinde.

Wahl 2014

Bürgermeister Jan Neusiedl, CSU, gewählt mit 70,2 Prozent

Gemeinderat (24 Sitze)

CSU: 14 Sitze

PBG: 4 Sitze

Grüne: 2 Sitze

FDP: 2 Sitze

SPD: 2 Sitze

Wahlergebnis

CSU: 58,9 Prozent

PBG: 16,9 Prozent

Grüne: 10,1 Prozent

FDP: 7,3 Prozent

SPD: 6,8 Prozent

Der Unterschied zu seiner Sichtweise ist nur: "Dazu haben wir auch beigetragen, nicht nur Neusiedl und die CSU", sagt Reinhart. Es sei immer der gesamte Gemeinderat, der Beschlüsse fasse. "Wir haben uns auch die Nächte um die Ohren geschlagen", so Reinhart. Etwa bei der Anhörung von Architekten für das Haus der Begegnung oder das Gymnasium. Jede Fraktion habe sich in die Gestaltung dieser Bauten eingebracht.

"Das ist eine Gemeinschaftsgeschichte und nicht nur der Erfolg einer Partei", sagt Zeppenfeld. Dies zu würdigen oder nicht, sei eine Frage der politischen Kultur im Gemeinderat, und an dieser mangele es leider. Das fange bereits damit an, sind sich Neusiedls politischen Gegner einig, dass es in anderen Gemeinden üblich sei, dass eine andere Fraktion den Dritten Bürgermeister stelle. Nicht so in Grünwald: Beide Stellvertreter Neusiedls gehören ebenfalls der CSU an. "Das signalisiert, dass man die anderen Fraktionen nicht einbinden will", so eine Erklärung der vier politischen Gegner.

Auch die Gemeinderäte fühlen sich schlecht behandelt. "Die Achtung vor der politischen Minderheit fehlt Bürgermeister Jan Neusiedl komplett", sagt Michael Ritz. "Landrat Christoph Göbel hat diese. Er bezieht Vorschläge aller Parteien mit ein. Dann fühlt man sich mitgenommen." "Die Minderheit ist von der Mitwirkung ausgeschlossen", sagt Dietmar Jobst. Zumindest offiziell.

Denn so manche Idee der anderen Fraktionen werde doch verwirklicht, allerdings erst dann, wenn die Idee von der CSU geklaut wurde, wie die vier berichten. Ein kleines Beispiel erwähnt Zeppenfeld: "2012 habe ich LED-Beleuchtung in den Straßen beantragt. Es wurde von der Mehrheit der CSU abgelehnt. Ein halbes Jahr später kam der Antrag von der CSU. Heute haben wir LED-Beleuchtung." Auf Wunsch könne man gerne weitere Beispiele liefern.

Haare in der Suppe oder Nudeln, die doch reingehören? Die Grünwalder Wähler müssen darüber entscheiden.

Alle Berichte, Reportagen und Analysen zur Kommunalwahl unter www.sueddeutsche.de/thema/Kommunalwahl_im_Landkreis_München.

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