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Kommunalwahl:Den Grünen fehlen Kandidatinnen

Die Sonnenblumen, seit jeher das Symbol der Grünen, stehen derzeit im Landkreis in voller Blüte. Das Foto zeigt ein Feld bei Aschheim.

(Foto: Claus Schunk)

Die Partei tut sich vielerorts schwer, die für Frauen reservierten Plätze auf ihren Listen zu besetzen. Auch bei den Neumitgliedern überwiegen die Männer.

Die Grünen sind im Höhenflug - bei der Europawahl holten sie im Landkreis München fast 24 Prozent der Stimmen. Mit ihrer Quotenregelung, nach der jeder ungerade Listenplatz von einer Frau besetzt werden soll, setzen sie sich besonders für die Gleichberechtigung ein. Doch einige Ortsverbände im Landkreis München tun sich schwer, den selbstgesetzten Anspruch zu erfüllen. Ihnen fehlen Kandidatinnen. "Warum will Frau nicht politisch aktiv sein, obwohl man eine Quote vorgibt?", fragt Doris Popp, Gemeinderätin und Grünen-Vorstandsmitglied in Ottobrunn.

Die Ottobrunner Grünen suchen derzeit nach Kandidatinnen für die vorderen Listenplätze, also nach Frauen, die auch bereit sind, einen Gemeinderatsposten zu übernehmen. Das gestaltet sich offenbar schwierig. Zumal zwei der vier Grünen-Gemeinderätinnen aufhören. Bleiben Popp selbst und Bürgermeisterkandidatin Tania Campbell, die bei der Gemeinderatswahl 2014 noch als Parteifreie für die ÖDP angetreten ist, aber mittlerweile Mitglied der Grünen ist. Am Frauen-Nachwuchs fehlt es auch. "In den letzten eineinhalb Jahren hatten wir zwar zehn Parteieintritte, davon waren sieben Männer", sagt Popp. Die zwei weiteren neuen Frauen im Ortsverband wollten kein aktives Amt übernehmen. Andere Frauen, die man frage, lehnten ab, weil sie kleine Kinder hätten, die sie abends nicht alleine lassen wollten, oder wegen ihrer anderen Ehrenämter. "Wo seid ihr Frauen?", fragt Popp.

Besonders erstaunt ist Popp, weil der Ortsverband auch um Interessierte wirbt. Erst vor kurzem hielt sie einen Vortrag darüber, wie es ist, sich als Gemeinderat zu engagieren, und "wie viel Spaß diese Arbeit auch macht". Als Gemeinderätin könne man auf so viele Themen Einfluss nehmen, lobt sie das Amt. "Frau Campbell musste auch überredet werden, aber heute gefällt es ihr", erzählt Popp.

Campbell selbst ist nach eigenen Angaben froh, dass Ursula Esau von der ÖDP sie 2014 zur Kandidatur überredet hat. "Die Arbeit im Gemeinderat ist sehr bereichernd", sagt sie. Sie schätzt es, dass man in dem Amt so viel über die Gemeinde lerne, auch über sich selbst, und viel Mitspracherecht habe.

"Warum will Frau nicht politisch aktiv sein, obwohl man eine Quote vorgibt?", fragt Doris Popp.

(Foto: Claus Schunk)

Skeptisch, was das Amt mit sich bringt, sind wohl auch Frauen in Garching. Denn auch dort hört man von Herausforderungen bei der Suche nach Kandidatinnen: "Einfach ist es nicht, aber ich bin zuversichtlich, dass wir die Liste mit genügend Frauen besetzen können", sagt Vorsitzender Rolf Schlesinger. Er erzählt von vielen Frauen, die sagten: "Ja, ich will auf die Liste, aber nur ganz hinten." Auch bei den Garchinger Grünen befand sich unter den sieben neuen Mitgliedern in letzter Zeit nur eine Frau. "Wir hoffen, sie noch ins Boot holen zu können", sagt Schlesinger.

Die Herausforderung ergibt sich auch daraus, dass "es einfach weniger Frauen als Männer an der Basis sind und die Auswahl kleiner ist", sagt die andere Vorsitzende, Felicia Kocher. Sie selbst ist ein Positivbeispiel. Mit erst 17, bald 18 Jahren, wird sie sich vorne auf die Liste setzen lassen. Um auch anderen Neuen, insbesondere Frauen, Ängste zu nehmen, was bei einem Gemeinderatsposten auf sie zukäme, veranstaltet der Ortsverband bald ein Neumitglieder-Treffen. Dass trotz des Höhenflugs der Grünen nur so wenige Frauen bereit für ein politisches Amt sind, erklärt sich Schlesinger unter anderem damit, dass sie sich lieber in anderer Form einbringen. "Ich denke, dass sie sich eher bei Demos oder bei anderen, nicht politischen Gruppierungen engagieren", sagt er und verweist auf die vielen jungen Frauen, die an den "Fridays for Future"-Demonstrationen teilnähmen.

Andere Ortsverbände haben derweil keine Schwierigkeiten, genügend Frauen für die Listen zu finden, oder geben sich einfach noch Zeit. "Wir haben gar kein Problem", sagt Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Köhler aus Unterhaching. "Wir haben viele junge neue engagierte Mitglieder, unter denen auch viele junge Frauen sind", sagt sie. Zwei von ihnen hätten gerade erst die Schule abgeschlossen. Köhler kann sich gut vorstellen, dass es viele junge Frauen ansprach, als Jugendreferentin Evi Karbaumer von den Grünen die Jugendversammlung vor kurzem moderierte. Ähnlich guter Dinge ist Grünen-Ortsvereinsvorsitzender Ulrich Leiner aus Haar.

Im Großen und Ganzen brächten sie genügend Frauen zusammen, glaubt er. Derzeit ist unter den drei Grünen-Gemeinderäten eine Frau. Bei der kommenden Wahl kann Leiner sich fünf bis sieben Sitze für die Grünen vorstellen. "Dann brauchen wir drei bis vier Frauen, die Gemeinderätinnen werden wollen", sagt er. Insgesamt wollen die Haarer Grünen die Liste paritätisch mit Männern und Frauen besetzen. "Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen", sagt Leiner. Die Neubiberger Grünen-Sprecherin Lucia Kott gibt sich noch Zeit.

"So weit sind wir noch nicht", sagt sie. Um das Ziel zu erreichen, jeden zweiten Platz auf der Liste mit einer Frau zu besetzen, nutzt ihr Ortsverband auch Fördermaßnahmen des Landesverbands. "Eine Frau, sie ist Mitglied bei uns, die sich für einen Gemeinderatsposten interessiert, haben wir auf das Frauenförderprogramm des Landesverbands aufmerksam gemacht", sagt Kott. Die Frau will teilnehmen. Das Programm soll Frauen fit für ein politisches Amt machen.

Auch die Ottobrunner Grünen geben das Ziel einer paritätisch besetzten Liste nicht auf. Sie wollen dafür laut Popp vielleicht wieder eine gemeinsame Liste mit der ÖDP aufstellen. Auch 2014 waren sie diese Verbindung eingegangen.

Außerdem wollen Popp und ihre Mitstreiter "Frauen im Bekanntenkreis ansprechen", von denen sie glauben, dass sie geeignet wären. Nur - die Konkurrenz schläft nicht. Popp erzählt, dass sie sich kürzlich mit einer Frau unterhalten hat, die aber wegen der vielen Ämter in der Kirche kein Gemeinderatsamt übernehmen möchte. Kurz zuvor hatte wohl auch die örtliche CSU schon bei dieser wegen einer Kandidatur angefragt.

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