Eines steht in Haar bereits gut vier Wochen vor der Kommunalwahl fest: Die Stadt im Osten von München wird keine Bürgermeisterin bekommen. Denn zu Wahl stellen sich diesmal – noch dazu am Weltfrauentag – nur Männer. Fünf Kandidaten haben sich den Chefsessel im Haarer Rathaus zu ihrem Ziel am 8. März gemacht. Am Mittwochabend trafen sie sich auf der Bühne im voll besetzten Saal des Bürgerhauses zu einem verbalen Schlagabtausch, der nach zweieinhalb Stunden vor allem als parteiübergreifendes starkes Zeichen für die wehrhafte Demokratie und mit einem Plädoyer für den Zusammenhalt der Gesellschaft endete.
Auf Einladung der örtlichen Volkshochschule (VHS) erlebten die etwa 500 Besucher im Saal und die gut 400 Nutzer des Livestreams im Internet einen selbstbewussten Bürgermeister Andreas Bukowski von der CSU („Ich bin voller Saft und Kraft“). Sie lernten dessen Stellvertreter Ulrich Leiner von den Grünen kennen, der mit seiner zunächst etwas rätselhaften Formel 3/30/300 die Stadt zukünftig grüner gestalten will.
Und sie erfuhren vom SPD-Kandidaten Peter Schießl, dass er sich das Bürgermeisteramt im Alter von 67 Jahren noch antun will, weil er sich sechs Jahre lang, seit in der einstigen SPD-Hochburg die CSU den Rathauschef stellt, geärgert hat. Vielleicht haben sie sich auch über den FDP-Kandidaten Peter Siemsen gewundert, der Achtsamkeit zu seinem Thema macht. Sie trafen zudem auf den AfD-Kandidaten Christoph Rätscher, der vor allem versuchte, das von der extremen Rechten geprägte Schlagwort „Remigration“ bei der Veranstaltung zu platzieren.
Die Kandidaten diskutierten in der von SZ-Redakteur Bernhard Lohr und Günter Hiel, Redakteur beim Münchner Merkur, moderierten Runde durchaus kontrovers. Die unterschiedlichen Positionen in der Sozialpolitik, bei der Ortsgestaltung und insbesondere in der Betrachtung der finanziellen Lage der noch jungen Stadt wurden deutlich. Hier bewerben sich nicht nur Männer mit verschiedenen Parteibüchern, sondern auch ganz unterschiedliche Charaktere für die Führungsposition der Kommune. In einer Sache waren sich die Kandidaten von CSU, SPD, Grünen und FDP allerdings einig: Sie wollen eine weltoffene Gesellschaft und lebendige Gemeinschaft in Haar und gemeinsam der Spaltung entgegentreten. „An dieser Stelle ist kein Blatt zwischen uns!“, betonte der Grüne Leiner. „Was der Herr Rätscher vertritt, schadet dem Standort“, sagte Bürgermeister Bukowski. „Wir sollten aus unserer Geschichte endgültig gelernt haben und Flagge zeigen“, forderte FDP-Mann Siemsen.

AfD-Kandidat Rätscher, einst im Vorstand der Jungen Alternative in Berlin, die vom Verfassungsschutz als erwiesen rechtsextrem eingestuft worden war, hatte im Wahlkampf bereits vor der Podiumsdiskussion gefordert: „Haar macht den Anfang: Remigration jetzt.“ VHS-Leiterin Lourdes María Ros de Andrés stellte bereits zu Beginn der Veranstaltung klar: „Die bayerischen Volkshochschulen bekennen sich deutlich zu ihrer Rolle als demokratische Bildungsorte und setzen damit ein Zeichen für Meinungsfreiheit, Vielfalt und Menschenwürde.“ Politische Bildung sei das Herzstück der VHS-Arbeit, „das VHS-Herz schlägt für die Demokratie“.
Rätscher erntete von der überwiegenden Mehrheit im Saal bei seinen Statements Pfiffe und Buh-Rufe. Ober er nun „ideologiefreie Politik“ forderte oder immer wieder betonte „Remigration ist notwendig“ oder behauptete: „Klima kann man nicht schützen“ und als seine Ziele nannte, Klimapolitik und Migrationspolitik einzuschrumpfen. Als Rätscher ankündigte, das Steuergeld „so zu behandeln, als wäre es mein eigenes“, löste das einige Lacher aus. Eine Gruppe von Zuschauern protestierte mit bedruckten Hoodies und Transparenten („FCK NZS“) gegen Rechtsradikale. Der Versuch von AfD-Anhängern, die Veranstaltung zu filmen, wurde von den Organisatoren der VHS unterbunden. Erlaubt war nur der eigene Livestream, für den die Kameras ausschließlich auf die Bühne gerichtet waren.

Dort ging es reihum durch die aktuellen kommunalen Themen. Fragen, die derzeit die Menschen und Entscheidungsträger nahezu in allen Kommunen bewegen, wie bezahlbarer Wohnraum, Klimaschutz und Verkehr. Aber auch um spezielle Haarer Fragen: Wie wird die Finckwiese entwickelt und der Schulcampus, was passiert mit den Feldlerchenpaaren, die ausgerechnet dort brüten, wo die größte Freiflächen-Photovoltaikanlage im Landkreis München entstehen soll, und ist die Stadtkasse wirklich so leer?

Die Diskussion nahm vor allem Fahrt auf, als es hieß: Reden wir über Geld. Der Grüne Leiner fand dazu deutliche Worte: „Die CSU betrachtet Haar als Armenhaus im Landkreis. Das ist eine skandalöse Falschdarstellung“, schließlich sei man 15 Millionen im Plus. „Hör auf, die Stadt schlechter zu reden als sie ist“, sagte er und blickte zu Bukowski. Wie solle man Investoren gewinnen, wenn man den Anschein erwecke, man befinde sich auf einem sinkenden Schiff, fragte er. Auch SPD-Kandidat Schießl hat festgestellt, dass Haar „jedes Jahr besser dasteht als vorher gedacht“. Vielleicht könne man manche Sachen schieben und nicht alles gleichzeitig machen. Bukowski konterte: „Wir haben wirklich ein Defizit. Wir leben vom Eingemachten“, sagte er und sprach von einem „zufälligen Geldregen“. Haar sei eine finanzschwache Kommune, nur bei den Rücklagen schaue es nicht schlecht aus.
Daher sprach sich der Bürgermeister auch dagegen aus, „dauernd Geld zu verteilen“. Die Stadt müsse die Mieten für die eigenen Wohnungen anpassen, weil eine Sanierung notwendig sei. Schießl hingegen, Ehemann der früheren SPD-Bürgermeisterin Gabi Müller, propagierte den kommunalen Wohnungsbau, forderte eine Rücknahme der Mietsteigerung und die Fortführung der Sozialgerechten Bodennutzung. Er kritisierte den CSU-Bürgermeister scharf: „Was wir unter Sozialpolitik verstehen, was Haar ausgemacht hat, ist zurückgestuft und verschüttet worden. Die Grundlagen haben SPD-Bürgermeister gelegt, daran müssen wir anknüpfen.“ Vor Gabi Müller (2014 bis 2020) waren zwischen 1966 und 2014 die Sozialdemokraten Helmut Dworzak, Hans Wehrberger und Willy Träutlein Bürgermeister in Haar.

Auch Ulrich Leiner sprach als Grüner anerkennend von den Errungenschaften in der Ära Dworzak. Es sei diesem gelungen, Haar zu einer Gemeinde mit eigenem Charakter am Rande einer Weltstadt zu entwickeln und zu erhalten. Er selbst will Haar jetzt zu einer Stadt der kurzen Wege machen sowie den Charakter der kleinen Ortsteile und die Abstandsflächen erhalten. Seine Erfolgsformel dafür: 3/30/300. Jeder soll aus seinem Fenster drei Bäume sehen, es soll 30 Prozent Grün geben und überall sollen es nur 300 Meter bis zur nächsten Grünanlage sein.

Ob die Diskussionsrunde nun den Bürgern in Haar bei ihrer Entscheidung am Wahltag geholfen hat, lässt sich allenfalls vermuten. Dass jemand umgestimmt wurde, wollte an diesem Abend zumindest niemand verraten. Peter Siemsen von der FDP erklärte: „Es geht nur miteinander. Am Ende werden wir uns daran messen lassen, wie gut unsere Ideen und Umsetzungen waren und nicht unsere Parteibücher.“ Rathauschef Andreas Bukowski zeigte sich überzeugt: „Ein Bürgermeister muss aus einem bestimmten Holz geschnitzt sein.“ Aus welchem, das bestimmen die Bürger am 8. März.

