Ist Haar das Armenhaus im Landkreis München? Oder rechnet die CSU die jüngste Stadt Bayerns einfach nur arm, um ihre Ziele durchzusetzen? Um die politische Deutungshoheit wird in der aufstrebenden Kommune im Münchner Osten traditionell hart gerungen. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn die Gemeinde im Januar 2025 zur Stadt aufgestiegen ist. Gerade geht es um die finanzielle Lage und darum, was aus dieser zu folgern ist. Die CSU unter Bürgermeister Andreas Bukowski wiederholt gebetsmühlenartig, dass die Stadt mehr Einnahmen und also dringend ein neues Gewerbegebiet für produzierende Firmen brauche. Die Grünen halten die damit einhergehenden Sparappelle für Schwarzmalerei. Und die SPD fordert – Finanzen hin, Finanzen her – eine maßvolle Entwicklung, bei der städtebauliche Kriterien nicht unter den Tisch fallen. Fünf ausschließlich männliche Bürgermeisterkandidaten treten an, darunter erstmals auch einer der AfD.
Amtsinhaber Andreas Bukowski, CSU
Der heute 46-jährige Andreas Bukowski hat vor sechs Jahren die Träume der CSU in Haar wahr werden lassen. Er hat die Jahrzehnte dominierende SPD in die Schranken gewiesen. Dabei half ihm womöglich, dass er als Quereinsteiger und recht frisch Zugezogener ein unbeschriebenes Blatt war. Seine Unerfahrenheit bekam er von der SPD oft vorgehalten. Doch er schwamm sich in der auch auf sein Betreiben hin zur Stadt aufgestiegenen Kommune mehr und mehr frei.

Bukowski wuchs in München-Schwabing und in Miesbach auf, schloss an der LMU in München ein Studium in Deutscher Literatur und Psychologie 2009 mit dem Doktorgrad ab. Er jobbte bei einer Online-Börsenzeitung, gründete einen Verlag und war in leitender Funktion bei einem Hersteller für Naturkosmetik tätig. In der Jugend war er schon mal in der JU aktiv, er trat 2016 in die CSU ein und besiegte 2020 die amtierende Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) in der Stichwahl. Politisch fordert Bukowski Gewerbeflächen auf der Finckwiese, um wachsende Aufgaben zu stemmen. Dazu gehören der Ausbau von Kitas und Schulen, ein neuer Busbahnhof und der Umbau der zentralen Leibstraße. Sein Steckenpferd: die Kreislaufwirtschaft, also der Umstieg auf ein umfassendes Verständnis von Ökologie.
Peter Schießl, SPD
Bei Peter Schießl werden sich manche wundern, dass er erst seit 2020 dem Gemeinderat und jetzigen Stadtrat angehört. Der 66-Jährige wirbt mit dem Slogan „Echt. Engagiert. Einer von uns“. Und viele am Ort dürften ihn als einen Haarer durch und durch kennen. Generationen von Schülern erlebten ihn als Lehrer an der Mittelschule, er ist mit der früheren Bürgermeisterin Gabriele Müller verheiratet und hat sich in den vergangenen sechs Jahren im Stadtrat mehr und mehr die Rolle eines führenden Kontrahenten des Bürgermeisters erarbeitet.

In seiner Rede zum Neujahrsempfang warnte Schießl vor dem Trugbild einer nach vorne gerichteten alternativlosen Politik: „Die konservative Mehrheit im Haarer Stadtrat und Teile der Grünen sind eher dabei, unseren Ort zu verunstalten und die Zukunft zu verbauen.“ Mit der Umwandlung des MSD-Bürokomplexes in einen Schulstandort gingen wertvolle Gewerbeflächen verloren, auf der Finckwiese würden ohne Not Werkshallen mit weitreichenden Auswirkungen für das Ortsbild angestrebt. Grünflächen innerorts würden leichtfertig überplant, wie am Wieselweg und an der Blumenstraße. Haar steht für Schießl schlicht vor einer „Richtungswahl“.
Ulrich Leiner, Grüne
Ulrich Leiner hat in sechs Jahren im Stadtrat als zweiter Bürgermeister mit 67 Jahren Lust auf mehr bekommen. Bereits 2020 ist er als Bürgermeisterkandidat angetreten und jetzt will er Andreas Bukowski überflügeln, mit dem ihn zum Leidwesen vieler in der SPD als Stellvertreter ein nach außen hin jedenfalls durchaus enges Arbeitsverhältnis verbindet. Leiner ist Grüner der ersten Stunde. Er gehörte zu den 1004 Delegierten, die 1980 in der Karlsruher Stadthalle die Bundespartei aus der Taufe hoben, er engagierte sich schon in Augsburg politisch, trat 1986 als Landtagskandidat an und lebt seit 1994 in Haar, wo er von 1999 bis 2002 schon mal Mitglied des Gemeinderats war.

Politisch verortet sich Leiner als Pragmatiker. Er arbeitete zuletzt als promovierter Forschungskoordinator am Fraunhofer-Institut im Bereich künstliche Intelligenz. Der CSU wirft Leiner vor, mit ihrer Sparpolitik der Stadt sinnvolle Investitionen zu versagen. Für eine Gewerbeentwicklung auf der Finckwiese brauche es angesichts der Dimension ein Gesamtkonzept. In zehn Punkten für Haar fordert Leiner unter anderem günstigen Wohnraum, ein Biotopnetzwerk sowie die Entwicklung eines Stadtquartiers auf der Gutswiese gegenüber dem Isar-Amper-Klinikum.
Peter Siemsen, FDP
Der FDP-Bürgermeisterkandidat Peter Siemsen gehört zu den fleißigsten politischen Kommunikatoren im Landkreis München. Er nutzt offensiv die digitalen Medien und war schon vor seinem erstmaligen Einzug in den Gemeinderat in Haar im Jahr 2020 mit seinem „Freisinnigen Politikforum“ gefühlt permanent online. Mit 55 Jahren tritt er nach 2020 erneut als Bürgermeisterkandidat an. Siemsen wurde in Braunschweig geboren, lebte in Eching, war Kreisvorsitzender der FDP im Landkreis Freising und dort Kreisrat, bevor er 2011 nach Haar zog.

Er ist Manager beim Autobauer BMW und ein Homo politicus durch und durch. Gerne zitiert er im Gemeinde- und Stadtrat den Stoiker Marc Aurel und betont, mit seiner politischen Arbeit Menschen zusammenführen zu wollen und das Gemeinwohl zu vertreten. Politisch pocht der promovierte Naturwissenschaftler Siemsen, ohne soziale Schärfe, gerne auf die Chancen, die mutige politische Entscheidungen mit sich brächten. Er plädiert angesichts von Stadtfinanzen, die ihn an „schmelzende Alpengletscher“ erinnern für die Ansiedlung von „zukunftsfähigem Gewerbe“ mit Plan und Ziel, wie er sagt.
Christoph Rätscher, AfD
Die AfD hat in Haar noch kein Mandat und die Partei ist erst seit Ende 2024 wieder mit einem Ortsverband präsent. Doch der 38-jährige Ortsvorsitzende und Bürgermeisterkandidat Christoph Rätscher hat in der Stadt mit scharfen Kommentaren zum überraschenden Abriss der Brücke der B304 über die Autobahn und die damit einhergehende Rodung von Wald bereits Duftmarken gesetzt. Rätscher ist ein offensiv agierender AfD-Funktionär. Er kommt aus Berlin, war dort Mitglied der vom Bundesverfassungsschutz als gesichert extremistische Bestrebung eingestuften Jungen Alternative. Rätscher trifft sich mit dem für seine Remigrations-Thesen bekannten Identitären Martin Sellner und zeigt sich mit Vertretern der extremen Rechten in der AfD.

Rätscher hat in München bereits für den Bundestag und den Landtag kandidaiert und arbeitet als Referent der AfD-Landtagsfraktion. In Haar verantwortete Rätscher für den Bauträger des Bezirks Oberbayern federführend die Entwicklung des Wohngebiets Jugendstilpark, dessen Umsetzung im Zeit- und Kostenplan er sich ans Revers heftet. Im Netz kündigte der AfD-Mann an, den angeblich grüne Thesen verbreitenden CSU-Bürgermeister Bukowski im Rathaus abzulösen. Sein Anliegen sei bezahlbarer Wohnraum, „unsinnigen, klimaideologischen Windkraftanlagen“ sage er den Kampf an, wie auch der Freiflächen-PV-Anlage am Höglweg. Der Umbau der Leibstraße sei Steuergeldverschwendung.

