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Kommentar:Konkurrenz nützt der Umwelt

Wenn Unternehmen wie Sixt im Münchner Umland Carsharing anbieten, geraten lokale Anbieter unter Druck. Ein Schaden ist es nicht

Von Lars Brunckhorst

Für jeden, der nicht gerade Handlungsreisender ist, sind Autos im Grunde die dümmste Investition. Abgesehen von der Urlaubsreise einmal im Jahr stehen sie im Gegensatz etwa zu Kühlschrank oder Fernseher die meiste Zeit einfach nur ungenutzt herum. Dennoch geben die Deutschen ungerührt Zehntausende für ihren fahrbaren Untersatz aus, wissend, dass dieser und mit ihm das Geld in wenigen Jahren auf der Straße oder in der Garage dahingerostet sind. Was liegt also näher, als sich mit anderen ein Auto zu teilen und nur dann dafür zu bezahlen, wenn man es braucht? So bleibt mehr Geld in der Haushaltskasse für die schönen Dinge im Leben: Theater- und Restaurantbesuche oder Urlaub. Wie das funktioniert, machen Carsharing-Initiativen wie Stattauto seit Jahren erfolgreich vor. Dank ihnen werden Ressourcen gespart und stehen weniger Blechkutschen in den vollen Städten.

Wenn Autovermieter wie Sixt in dieses Geschäft einsteigen, dann ist das zunächst einmal zu begrüßen. Je größer und vielfältiger das Angebot, umso mehr Menschen überlegen sich ein Umsteigen. Das Familienunternehmen aus dem Isartal folgt mit Kooperationen, wie sie jetzt mit der Gemeinde Unterhaching geplant ist, freilich keiner inneren Einsicht; es ist vielmehr die blanke Not, welche die Pullacher dazu zwingt, neben dem klassischen Leihwagengeschäft ihr zweites Standbein auszubauen. Europas größter Autovermieter ist durch die Pandemie schwer gebeutelt: Von einem Tag auf den anderen standen die Mietwagen an den Flughäfen und Feriendestinationen wie Blei auf den Parkplätzen. Ein drastischer Flottenabbau war der erste Schritt, mit dem Ausbau des Carsharings richten die neuen Geschäftsführer, die Söhne von Firmengründer Erich Sixt, das Unternehmen neu aus. Wie BMW und Mercedes mit ihrem gemeinsam Anbieter Share-Now zielen sie damit auf eine junge, umweltbewusste Kundschaft.

Dass Sixt sein Share-Angebot nicht länger nur in Großstädten anbietet, sondern neuerdings auch im Umland, bedeutet für Stattauto und Co. jedoch, dass ein neuer, finanzstarker Konkurrent die Bühne betritt, mit dem sie schwer mithalten können. Die Vereine, die es in 16 der 29 Landkreiskommunen gibt, haben nur wenige Fahrzeuge im Bestand - in der Gemeinde Haar aktuell sogar nur ein einziges. Macht das Modell Sixt Schule, werden sie langfristig wohl nur für eine kleine, individuelle Mitgliederschaft überleben. Die Mehrheit wird die Free-Floating-Systeme vorziehen. Der Charme aus der Anfangszeit des unkonventionellen Autoteilens geht damit verloren, aber der Umwelt nützt es.

© SZ vom 25.06.2021
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