Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Kommunen lassen Schüler im Stich

Nur mit dem Finger auf die Staatsregierung zu zeigen, wenn es um die Sicherheit in Klassenzimmern geht, greift zu kurz

Von Lars Brunckhorst

Als Markus Söder Ende Juni versprach, bis zum neuen Schuljahr werde jedes Klassenzimmer im Freistaat mit einem mobilen Luftreinigungsgerät ausgestattet, um die Schulen nach der Urlaubszeit "so sicher wie möglich zu machen", wollte er den Kommunen nach eigenen Worten "beim Lüften Dampf machen". Denn als Sachaufwandsträger der Schulen sind sie es, die die Filteranlagen anschaffen müssen - und viele zögern damit auch nach knapp anderthalb Jahren Pandemie und Wechselunterricht. Damit die Städte und Gemeinden bis September in die Puschen kommen, versprach Söder ihnen, die Hälfte der Anschaffungskosten zu übernehmen, und drohte: Wer sich dem verweigere, der werde "öffentliche Debatten auslösen in seiner Region".

Doch der Ministerpräsident hat die Rechnung ohne die Kommunalpolitiker gemacht. Vielen von ihnen sind die verbleibenden Kosten immer noch zu hoch, der Nutzen der Geräte zu zweifelhaft. Aus diesen Gründen fand sich etwa vorige Woche im Kreistag keine Mehrheit für den Kauf von an die Hundert Geräten, die allein für alle weiterführenden Schulen im Landkreis München nötig wären. Die Folge: Tausende von Schülern werden auch ins dritte Corona-Schuljahr mit den gleichen, unzureichenden Schutzmaßnahmen gehen wie bisher: Maske tragen, Lüften, Hände waschen - wobei es an vielen Schulen weder warmes Wasser noch Seife gibt.

Man kann nun die Schuld daran auf die Staatsregierung schieben, die nicht bereit ist, 100 oder zumindest 80 Prozent der Kosten zu übernehmen. Man kann aber auch feststellen, dass die Kommunalpolitik, wenn es um den Schutz der Schülerinnen und Schüler geht, den warmen Worten keine Taten folgen lässt. Das ist unverschämt gegenüber allen Kindern und Jugendlichen, die seit fast 18 Monaten am meisten zurückstehen müssen, und deren Eltern, die nach zwei Schuljahren mit Homeschooling und Wechselunterricht an ihren Grenzen sind. Selbst wer jetzt Luftfilter bestellt, wird sie nicht alle bis in acht Wochen bekommen. Aber wer gar nichts tut, macht sich aus Unterlassung schuldig, wenn im Herbst die Delta-Variante in den Klassenzimmer grassiert.

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Quelle:
SZ vom 20.07.2021
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