Kommentar:Höchste Zeit für 2G

Kinder und Jugendliche sind mit großen Hoffnungen ins neue Schuljahr in Präsenz gestartet. Aber weiter drohen Einschränkungen, weil Erwachsene unsolidarisch sind

Von Sabine Wejsada

Die Sommerferien sind so zu Ende gegangen, wie sie begonnen haben: Wieder trudelt eine E-Mail aus dem Schulsekretariat über einen positiven Corona-Fall ein, in der Anlage die Quarantäne-Anordnung des Gesundheitsamtes für den Sohn. Dabei ist der seit sechs Wochen vollständig immunisiert, könnte überall locker sogar eine 1G-Regel einhalten und muss laut Gesetz nicht in die Selbstisolation. Konkrete Nachfragen bei den Behörden laufen ins Leere, für den Impfnachweis interessiert sich niemand. Zum Start des neuen Schuljahres hakt es noch.

Für die Erstklässler hat diese Woche der sprichwörtliche Ernst des Lebens begonnen, für die Älteren bedeutete der erste Schultag nach den großen Ferien eine weitere Runde auf der Schullaufbahn. Und für all jene, die am Dienstag ins Abschlussjahr gestartet sind, im besten Fall die letzte Etappe mit Taschenrechner und Formelsammlung. Sie alle hatten zum Beginn dieses zweiten Pandemie-Herbsts drei Dinge im Gepäck: Masken, die Bereitschaft, sich das Stäbchen zum Corona-Test in die Nase zu schieben, und natürlich die Hoffnung auf Normalität im Klassenzimmer.

Schüler, Eltern und Lehrer dürfte nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Schuljahre nichts mehr umtreiben wie diese Fragen: Wie lange können die Schulen offen bleiben, wenn sich die Krankenhäuser mit Corona-Patienten füllen? Wird die Politik diesmal ihr Versprechen halten und Kinder und Jugendliche, die seit Beginn der Pandemie die Hauptlast tragen, nicht wieder als erste nach Hause und in einen Lockdown schicken, weil das Infektionsgeschehen aus dem Ruder läuft? Diesmal freilich nicht, um Oma und Opa oder die chronisch kranke Großtante zu schützen, sondern all jene Erwachsenen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie lieber noch warten (worauf eigentlich?) oder ernsthaft glauben, dass Corona nur eine Erfindung ist, an der sich die Pharmaindustrie dumm und dämlich verdient.

Dass jenen selbst dann kaum beizukommen ist, wenn es zur Spritze gleich noch einen kostenlosen Schweinsbraten gibt oder eine Mass Oktoberfestbier, hat die bundesweite Impfwoche gezeigt. Die vierte Welle lässt sich mit einer Impfquote von derzeit 62,8 Prozent sicher nicht brechen. Offenbar müssen es trotz gegenteiliger Behauptungen wieder die Jüngeren richten, wenn die mobilen Impfbusse Station an den Schulen und Jugendzentren machen. Und warum das alles? Weil für all die Unverbesserlichen Solidarität ein Fremdwort ist. Wird Zeit, dass die Politik mindestens eins der drei Gs aus ihrem Corona-Regelwerk streicht.

© SZ vom 17.09.2021
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