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Kommentar:Hauptsache, es geht voran

Immer mehr Menschen nutzen das Rad. Es ist höchste Zeit, dass die Politik pragmatisch ein besseres Wegenetz schafft

Von Iris Hilberth

Selten wurden so viele Fahrräder gekauft wie im vergangnen Jahr. Und der Boom hält an. Mehr als fünf Millionen Räder haben die Deutschen 2020 den Händlern geradezu aus den Händen gerissen, E-Bikes genauso wie Zweiräder, bei denen man noch selbst treten muss. Alle Radler eint, dass sie in der Regel schnell vorankommen wollen. Vor allem wenn sie das Rad als Alternative für das Auto, den Bus oder die Bahn entdeckt haben. Doch was sich in der Theorie für den Pendler mit dem neuen flotten Pedelec so schön nach Beschleunigung an der frischer Luft anhört, wird im Großraum München vielerorts noch immer zur Spaßbremse, Mutprobe und zum Geduldsspiel. Radschnellwege, wie sie anderswo längst zur Infrastruktur gehören, sind hier weiterhin Fehlanzeige.

Wer sich einmal die seitenlangen Vorgaben für eine solche Verbindung, die sich dann offiziell Radschnellweg nennen darf, durchgelesen hat, dem wird rasch klar: Das wird womöglich nie was. Und schnell schon gar nicht. Bester Beweis ist das vor fünf Jahren beschlossene Pilotprojekt im Münchner Norden, von dem noch kein Stückchen gebaut wurde. Für vier Meter breite Trassen, die eine mittlere Reisegeschwindigkeit von 20 Stundenkilometer garantieren, ist es häufig zu eng. Wenn auch noch Autos ausgebremst oder Parkplätze wegfallen sollen, sind die Bedenken groß und der Aufschrei laut. Die Bürokratie und der politische Unwille verlangsamen das Tempo mehr als jede Scheibenbremse.

Wenn man ein totes Pferd - oder in diesem Fall ein sehr lahmes Ross reitet - nützen auch noch mehr Berater oder Machbarkeitsstudien nichts. Dann ist Umsatteln zumindest eine wesentlich schnellere Lösung. Die Grünen im Münchner Osten und mit ihnen die Rad-Pendler tun also gut daran, sich von solchen umfangreichen, komplizierten Planungen zu verabschieden und auf pragmatische Lösungen zu setzen. Heißt das Ding eben schneller Radweg statt Schnellradweg. Hauptsache es geht mal wirklich etwas voran.

© SZ vom 22.04.2021
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