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Kommentar:Gefühle respektieren

Der Freisinger Mohr ist Geschichte. Es ist Zeit, sich von ihm zu trennen, denn solche Klischees können Menschen verletzen

Von Martin Mühlfenzl

Das Wappen des Erzbischofs von München und Freising zieren ein roter Kardinalshut, der geflügelte Markuslöwe, der Wahlspruch "Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit" - sowie der Freisinger Mohr. Seit dem 13. Jahrhundert war das Konterfei eines Schwarzen fester Bestandteil im Wappen der Erzbischöfe von Freising, aber erst in der jüngeren Vergangenheit nehmen immer mehr Menschen Anstoß an der als diskriminierend empfundenen Abbildung, die auch Gemeinden im Münchner Umland übernommen haben.

So findet sich auch im Wappen der Gemeinde Unterföhring seit 1957 ein Abbild des Freisinger Mohrs. Und seit zwölf Jahren halten Kulturschaffende den Mohren als Büste in Händen, wenn sie von der Gemeinde geehrt werden. Dass jetzt eine Debatte darüber in Fahrt kommt, ob dieser Preis noch zeitgemäß ist, ist kein Zufall. Das Thema Alltagsrassismus hat seit der Polizeigewalt in den USA vor allem gegen Schwarze eine neue Dynamik erreicht, auch in Deutschland. Höchste Zeit, dass Unterföhring und Ismaning, das ebenfalls den Mohren im Wappen trägt, klar bekennen, dass solche Symbole Gefühle von Menschen verletzen.

Dass die Mediengemeinde einen Teil ihrer Identität verlieren könnte, wenn der Mohr verschwindet, wie ihr Bürgermeister behauptet, ist Unsinn. Heute ist die Gemeinde dank ihrer Wirtschaftskraft und anhaltenden Zuzugs ein weltoffener, moderner und bunter Ort. Die Gemeinderäte sollten sich daher die Freiheit nehmen, dies zu zeigen und sich von Wappen und Kulturpreis trennen.

© SZ vom 09.09.2020

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