MeinungKommentarNicht schon wieder Tassilo

Kommentar von Sabine Wejsada, Aschheim

Lesezeit: 1 Min.

Die bayerische Historikerin Gertrud Diepolder ist 2016 gestorben und könnte als Namenspatronin für das neue Gymnasium in Aschheim dienen.
Die bayerische Historikerin Gertrud Diepolder ist 2016 gestorben und könnte als Namenspatronin für das neue Gymnasium in Aschheim dienen. (Foto: privat)

Die Gemeinde Aschheim verwirkt eine Chance, wenn sie das neue Gymnasium nicht nach einer Frau benennt.

Sie stellen die Mehrzahl der Menschen auf diesem Planeten, doch wenn es um die Sichtbarkeit von Frauen geht, spielt das meist keine Rolle. An den Schaltstellen der Macht in Wirtschaft, Politik und Parteien sind sie rar gesät, auch auf dem Gehaltszettel gibt es nach wie vor keine Gleichberechtigung. Nur was die Care-Arbeit in Familien betrifft, haben Frauen immer noch den Hut auf, weil sich ja jemand unentgeltlich um Kinder und Alte kümmern muss, während der Mann im Haus das Geld heimbringt. Das hat auch im Jahr 2025 Bestand.

Und auch in der Öffentlichkeit gilt weiterhin die Vorherrschaft der Männer: Straßen werden selten nach Frauen benannt, Schulen noch weniger. In Aschheim, wo derzeit ein neues Gymnasium entsteht, soll jetzt mit Herzog Tassilo wieder ein Mann zum Zug kommen. Dabei standen mehrere berühmte Frauen als Patinnen in der Vorauswahl. Unter anderem die Juristin und Frauenrechtlerin Anita Augspurg, die Mathematikerin Emmy Noether und die erst 2016 verstorbene Historikerin Gertrud Diepolder. Letztere, eine gebürtige Münchnerin, gilt als Pionierin der bayerischen Geschichte. Als viel beachtete Dokumentarfilmerin setzte sie mit ihrem Werk „Tassilos Land“ dem Herzogtum Bayern im achten Jahrhundert ein Denkmal – und hätte schon allein deshalb geradezu perfekt als Namenspatronin zu Aschheim und seinem Gymnasium gepasst.

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Jetzt soll aber wieder Herzog Tassilo herhalten. Und das, obwohl dieser in der Kommune im Osten von München bereits als Namensgeber für mehrere Vereine, die Sportgaststätte und natürlich einer Straße allgegenwärtig ist. Nun auch noch das Gymnasium nach dem bayerischen Herzog zu benennen, ist absolut verzichtbar und nicht mehr zeitgemäß. Mehr noch, die Entscheidung für den Säulenheiligen des Ortes steht vor allem für eins: den bloßen Blick zurück in die Vergangenheit.

Schule aber ist Gegenwart, dort lernen Mädchen und Jungen auf Augenhöhe. Und Schule liefert im besten Fall das Versprechen auf eine Zukunft, in der aus den Jugendlichen gleichberechtigte Menschen werden können. Mit einem Gertrud-Diepolder-Gymnasium hätte die Kommune jedenfalls den Schritt in die Moderne gewagt – und ein längst überfälliges Zeichen dafür gesetzt, dass Frauen sichtbarer werden. Diese Chance jedoch haben die so geschichtsverliebten Aschheimer zunächst vertan. Jetzt ist es an Schülern, Lehrern und Eltern, das Votum des Gemeinderats rückgängig zu machen.

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