Kommentar:Fauler Kompromiss

Entweder werden alle Klassenzimmer mit Luftreiningern ausgestattet oder gar keine. Und bezahlen muss diese der Freistaat

Von Martin Mühlfenzl

Glauben heißt nicht wissen. Wenn aber die Wissenschaft zur Glaubensfrage wird, dann stößt die Vernunft an ihre Grenzen. Deutlich wird dies an der emotional vollkommen überladenen Diskussion über mobile Luftreinigungsgeräte in Schulen, die der Freistaat den Kommunen ohne Not ans Bein gebunden hat - und in der es kaum etwas zu gewinnen gibt. Denn bestellen die Kommunalpolitiker - anders als es ihnen Ministerpräsident Markus Söder empfohlen hat - keine Luftreiniger, ziehen sie sich den Zorn vieler Eltern zu. Bestellen sie dagegen für viel eigenes Geld die teuren Geräte, kann es angesichts der dürren Datenlagen über deren eigentlichen Nutzen gut sein, dass diese in einigen Wochen in den Kellern der Rathäuser vor sich hin rosten.

Was nun aber die Ottobrunner Gemeinderäte aufgeführt haben, lässt einen tatsächlich vom Glauben abfallen. Sie hatten die Wahl, entweder alle Klassenzimmer und Fachräume der drei Grundschulen im Ort, 73 an der Zahl, mit mobilen Luftreinigern auszustatten oder gar keinen, weil alle Räume gut zu lüften sind. Grüne, SPD, die Bürgervereinigung und die FDP entschieden sich gegen den Willen der CSU und deren Bürgermeister Thomas Loderer stattdessen dafür, 28 mobile Geräte anzuschaffen, von denen derzeit noch keiner weiß, ob sie künftig in einem Chemieraum oder der Besenkammer stehen sollen.

Mit diesem faulen Kompromiss wird weder etwas zum Infektionsschutz in den Klassenzimmern beigetragen noch das Vertrauen der Eltern, Schüler oder auch der Lehrer in die Maßnahmen gestärkt. Und das, obwohl dieses angesichts der fehlenden klaren Linie der Staatsregierung ohnehin schon stark beschädigt ist. Dabei ist die Antwort auf die Frage, wie Kommunen bei diesem Thema handeln sollten, eigentlich recht einfach: entweder ganz oder gar nicht. Entweder werden alle Räume mit Luftreinigern ausgestattet - oder eben kein einziger. Und zu bezahlen hat die Anschaffung solcher Geräte übrigens komplett der Freistaat, der sie auch angeordnet hat.

© SZ vom 30.07.2021
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