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Kommentar:Ein Schlupfloch für das Virus

Die Politik muss gegen jene Eltern vorgehen, die ihre Kinder in der aktuell so dramatischen Phase der Pandemie nur aus Bequemlichkeit in die Krippe schicken

Kommentar von Lars Brunckhorst

Es gibt viele Menschen und Bevölkerungsgruppen, mit denen man in dieser Pandemie nicht tauschen möchte: Pflegebedürftige in Altenheimen, chronisch Schwerkranke, Ärzte und Krankenschwestern, Beschäftigte in systemrelevanten Berufen wie Polizei und Rettungsdienst sowie Selbständige, deren Laden schon wieder geschlossen bleiben muss. Gewiss: Familien mit kleinen und schulpflichtigen Kindern haben es auch nicht leicht, aber sie vereinsamen nicht wie Heimbewohner. Und wer das Glück eines Bürojobs hat, muss weder um seine Existenz fürchten noch mit der ständigen Sorge vor einer Ansteckung durch Menschen leben, mit denen er sich den Kontakt nicht aussuchen kann.

Insofern geht einem das Gejammere über die Doppelbelastung von Home-Office und Homeschooling schon manchmal gehörig auf die Nerven. Wer in der angenehmen Situation ist, nicht jeden Tag mit der S-Bahn zur Schicht fahren zu müssen, nicht auf Intensivstationen oder an Supermarktkassen stehen muss, sondern daheim am Esstisch mit Laptop und Telefon sitzen darf, gehört sicher nicht in erster Linie zu den Verlierern dieser Krise. Und dennoch sind es in der aktuellen zweiten Welle deutlich mehr Eltern als im Frühjahr, die ihre Kinder in die Notbetreuungen schicken. Von nahezu Normalbetrieb berichten die Betreiber von Kindergärten und Krippen. Kein Wunder, wenn sich Eltern quasi selbst als systemrelevant einstufen dürfen. Spätestens wenn sie hören, dass die Nachbarskinder jeden Morgen in die Kita gehen, nutzen auch die letzten, die anfangs noch Skrupel haben, das Schlupfloch, das die Infektionsschutzverordnung lässt. Warum sich mit den Balgen herumärgern, während die Kollegen entspannt in der Videokonferenz sitzen?

Wenn die Politik es mit Lockdown und Kontaktbeschränkung ernst meint, muss sie dagegen vorgehen. Denn auch in Kindertagesstätten und Schulen finden Infektionen statt. Und wer seine Kinder nicht zu Hause lässt, gefährdet nicht nur sich, sondern Erzieher und Lehrerinnen. Sicher: Manche Eltern sind nach Monaten des Ausnahmezustands an der Belastungsgrenze, vielen Kindern fehlen Freunde, Spiel und Unterricht. Aber in den kommenden Wochen muss vorrangiges Ziel sein, die Infektionszahlen soweit zu senken, dass das Leben wieder einigermaßen normal stattfinden kann. Dann können auch Kitas und Schulen wieder geöffnet werden - und zwar nicht nur für Kinder systemrelevanter Eltern und jener, die Schlupflöcher ausnutzen.

© SZ vom 20.01.2021
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