Kreis und quer:Sommer dahoam

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Im Bekannten lässt sich Neues entdecken. In der Ferne suchen viele ohnehin nur das Vertraute.

Kolumne von Sabine Wejsada

Wohl dem, der in diesem Sommer daheim Urlaub macht und angesichts der vielen aktuellen Krisen nicht in die Ferne schweifen muss. Klar, eine echte Wohltat wäre es schon, auf einer griechischen Insel die Zehen ins azurblaue Wasser zu halten und sich abends in einer lauschigen Taverne am Strand einen kühlen Retsina und frischen Fisch schmecken zu lassen. Vor allem nach den pandemiebedingten Entbehrungen der beiden vergangenen Jahre ist die Sehnsucht riesengroß, irgendwo im Süden die Seele baumeln zu lassen und dabei Corona, Ukraine-Krieg, Inflation und Gasnotstand zumindest für ein paar Tage zu vergessen.

Aber allein der Gedanke an das Chaos an den Flughäfen, wo sich wie in München Tausende verspätete Gepäckstücke stapeln, weil nicht genügend Abfertiger und Kofferwuchter im Dienst sind, kann einem die Urlaubslaune gründlich verhageln. Von den vielen Waldbränden ganz zu schweigen, die unsere Sehnsuchtsländer in Europa wegen der herrschenden Trockenheit seit mehreren Wochen fest im Griff haben. Dazu ist es zu allem Überfluss überall noch viel heißer als bei uns, auch wenn der vergangene Hitze-Mittwoch mit Temperaturen knapp unter 40 Grad hierzulande die meisten Menschen an oder vielmehr über ihre Grenzen gebracht hat. Leider sind Balkonien und Terrassien eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren, weil der Wetterfrosch langsam, aber sicher durchdreht.

Wie gut ist es da, dass Rainer Klier, der Kulturreferent des Landkreises München, Abhilfe schaffen will: mit geselligen Fahrten im klimatisierten Bus zu den Sehenswürdigkeiten direkt vor unserer Haustür, um den Bewohnern die Vielfalt und Schönheiten von geschichtsträchtigen Orten nahezubringen. Da ist es schon fast egal, dass die Ziele - Grünwalder Burg und Kloster Schäftlarn - wie ein alter Hut wirken. Sei's drum, dorthin kommt der Reisende immerhin mit kleinem Gepäck und ohne lange Schlangen vor irgendeiner Sicherheitskontrolle. Und wer sagt eigentlich, dass sich nicht auch im Bekannten manch Neues entdecken lässt?

Schließlich verbringen ganz viele Urlauber die schönste Zeit des Jahres jedes Mal im selben Hotel oder auf dem für gut befundenen Campingplatz. Schadet ja nicht, wenn man sich weit weg von daheim auch ein bisschen daheim fühlen kann, weil man sich nach all den Jahren ziemlich gut auskennt. Wer dennoch Fernweh verspürt, aber aus genannten Gründen keine Lust auf irgendwelche Kalamitäten bei der Hin- oder Rückreise hat, der kann ja zum Beispiel nach dem Besuch der Burg- beziehungsweise Klostermauern auf dem Smartphone via Webcam einen Blick auf den Badeort an der Adria oder die Lieblingsinsel in der Ägäis werfen. Mit eingeschaltetem Ton versteht sich, um das Meeresrauschen zu hören - was zumindest zeitweise für eine gedankliche Abkühlung sorgt. Denn die nächste Hitzewelle ist schon im Anrollen.

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