Es ist kaum vorstellbar, dass das Kloster Schäftlarn einmal der Schauplatz eines heftigen Schusswechsels war. Dazu kam es im April 1919, nachdem Spartakisten das Klostergebäude im Zuge der bürgerkriegsähnlichen Zustände am Ende der Münchner Räterepublik besetzt hatten. Die pensionierte Lehrerin Dagmar Bäuml-Stosiek schildert auch diese Episode in ihrem Buch „Schäftlarn – zwischen Kuhdorf und Kurort“ und erläutert sie auf dem Rundgang mit der SZ.
Der damalige Bezirksvorstand Eugen Syffert in Wolfratshausen hat die Ereignisse folgendermaßen zusammengefasst: „Am 26. April trafen etwa 50 Spartakisten im Kloster Schäftlarn mit Maschinengewehren ein, um sich daselbst als Posten einzurichten. Von dieser Abteilung kehrten 20 alsbald wieder nach München zurück, während der Rest im Kloster verblieb und von hier die Verpflegung in Anspruch nahm.“ Das seien junge Männer zwischen 20 und 25 Jahren gewesen, die als Schlosser, Bäcker, Schuhmacher, Kutscher, Tagelöhner oder Postbote kaum etwas verdienten, veranschaulicht Bäuml-Stosiek. „Ihr Anführer war ein 21-jähriger Arbeiter aus Straßlach.“

Die bewaffnete Truppe hatte das Kloster besetzt und durchsuchte das gesamte Gebäude. Als der Abt die Schar jedoch mit Speis und Trank versorgte, sei das „Barsche in ihrem Wesen“ verschwunden. In der Nacht vom 29. auf den 30. April trafen Regierungstruppen ein. Es kam zu Schusswechseln, bei denen es Tote und Verletzte gab. Am 30. April wurden neun junge Männer, die das Kloster bis zum Schluss besetzt hatten, in Hohenschäftlarn ohne faires Gerichtsverfahren hingerichtet. Zu den Toten gehörte auch der 21-jährige Unteroffizier Friedrich Münchinger, der auf der Seite der Regierungstruppen stand. „Sein Grab befindet sich heute vor dem Seiteneingang zur Klosterkirche“, erklärt Dagmar Bäuml-Stosiek. Selbst im Klosterwald bei Beigarten wurden zwei Wachposten der Rotgardisten von den Regierungstruppen erschossen.
Die Gewaltexzesse in München zwischen den Spartakisten, den Regierungstruppen und den Freikorps veranlassten Franz von Stuck, der zur Prinzregentenzeit zu den angesehensten Künstlern Münchens gehörte, im April 1919 zur Flucht ins Kloster Schäftlarn. „Von Stuck hatte sich auf das Land zurückziehen wollen, um sich vor den bürgerkriegsartigen Zuständen in München in Sicherheit zu bringen, doch er traf ausgerechnet zu einem Zeitpunkt im Kloster ein, als auch dieses von Kämpfen erschüttert wurde“, berichtet Bäuml-Stosiek.

Den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg folgte im Lauf der 1920-er Jahre eine Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs. Im rohstoffarmen Bayern setzte man auf Wasserkraft zur Elektrizitätsgewinnung und bezeichnete sie als „weiße Kohle“. In diesem Zusammenhang spiele der Immobilienunternehmer Jakob Heilmann wieder eine wichtige Rolle, erklärt Dagmar Bäuml-Stosiek. „Er war ein Pionier auf dem Gebiet der Energiegewinnung aus der Wasserkraft der Isar.“ Heilmann holte finanzkräftige Unterstützer ins Boot, sodass 1924 das Mühltalkraftwerk in der Nähe des Klosters Schäftlarn gebaut werden konnte. Mit der Elektrifizierung wurde auch der Alltag auf dem Dorf moderner: Butterzentrifugen, elektrisches Licht und Radio zogen in die Häuser ein.
Auch das Kloster Schäftlarn erfuhr eine Erneuerung: Der 38-jährige Sigisbert Mitterer wurde 1929 von Kardinal Faulhaber zum Abt geweiht. Mitterer war selbst Schüler des Schäftlarner Progymnasiums gewesen, hatte Lehramt für Germanistik und Geschichte an höheren Schulen studiert und war 1919 Teil des Lehrerkollegiums ebendieses Progymnasiums geworden. Der Abt und Pädagoge setzte auf die Jugend: „Wir glauben in unserem Hause an den Durchbruch eines guten katholischen Denkens in einer neuen Jugend“, schrieb er.

So gründete sich 1930 der „Schäftlarner Bund Kirche und Vaterland“. „Man strebte nach einer christlich-nationalbewussten Haltung, die gerade von den Absolventen der höheren Schulbildung ein Leben lang gepflegt werden sollte“, berichtet Bäuml-Stosiek. Dies geschah durch Eucharistiefeiern, Andachten, Gebetsstunden, sportliche Veranstaltungen, Vorträge und Ausflüge. Bei regelmäßigen Heimatabenden ging es um Literatur, Geschichte, Religion und allgemeine Themen. Abt Mitterer gründete außerdem das Schwestern- und Kinderheim St. Hildegard auf dem Gelände des Klosters, das 1930 eingeweiht wurde. Die Einrichtung leistete ambulante Krankenpflege und betreute fürsorgebedürftige Kinder.
In der Nazi-Zeit geriet das Kloster zunehmend unter Druck: Die Verfolgung katholischer Geistlicher und Konvente traf auch das Kloster Schäftlarn. Lehrer wurden von Schülern angezeigt. Die Gestapo verhörte den Abt, den Schulleiter und den Prior. Ab 1938 durfte keine Klasse mehr von unten aufgebaut werden, 1941 wurde das Progymnasium schließlich aufgelöst. Anstelle von Schülern zogen nun Kriegsgefangene und Aussiedler in die Klassenzimmer. Später wurden eine Zahlmeisterschule und eine Stabshelferinnenschule eingerichtet. „Zuletzt waren Abteilungen der TU München und der Siemenswerke hier. Siebzehn Männer des Konvents wurden einberufen. Sie mussten zwar nicht an die Front, wurden jedoch als Seelsorger und Sanitäter eingesetzt. Acht von ihnen überlebten den Krieg nicht“, berichtet Bäuml-Stosiek.
Trotz der Kriegswirren kam der Fremdenverkehr nicht zum Erliegen: Am Pfingstwochenende des Jahres 1941 waren so viele Ausflügler in der Schäftlarner Region unterwegs, dass die Verpflegung der Gäste in den Wirtschaften große Schwierigkeiten bereitete. In seiner Chronik berichtet der Abt: „Am meisten wurde der Biermangel bedauert; es blieb den Wirtschaften nichts anderes übrig, als während der Mittagszeit ein paar Stunden lang gar kein Bier auszuschenken. Die Leute tranken dann Wein, Mineralwasser oder (…) Kaffee: aber auch diese Getränke sind teilweise sehr rar, teils kostbar und teils auch im Geschmack minderwertig.“
1940 wollte die NS-Filmindustrie den Rassisten und Kolonialdespoten Carl Peters (1856 bis 1918) als Heldenfigur in Deutsch-Ostafrika inszenieren. Da seit Beginn des Zweiten Weltkriegs jedoch nicht mehr im Ausland gedreht werden konnte, fiel die Wahl auf die Isarauen beim Kloster Schäftlarn. Im Film sollten sie eine afrikanische Steppenlandschaft darstellen. Dafür wurden Palmen und Sukkulenten aus Pappmaché geformt und Holzhütten gebaut. Auch der Kilimandscharo fand durch ein trickreiches Überblendungsverfahren seinen Weg ins Isartal. Als Statisten mussten 150 schwarze Kriegsgefangene aus Frankreich dienen, die im Ebenhauser Gasthof „Zur Post“ untergebracht waren. Sie wurden an jedem Drehtag streng bewacht zu den Drehorten beim Kloster geführt.
150 schwarze Kriegsgefangene aus Frankreich dienten in Schäftlarn als Statisten für einen NS-Film.
Abt Mitterer beobachtete, wie die französischen Kriegsgefangenen nach den Drehtagen vom Kloster eine Mahlzeit erhielten und dann wieder in den Gasthof nach Ebenhausen abgeführt wurden. In seinen Aufzeichnungen notierte er: „Ein kleines Büblein eines in unserer Wirtschaft wohnenden Arbeiters stand am Wegrand und gab jedem an ihm vorbeiziehenden Neger voll Harmlosigkeit die Hand. Die armen schwarzen Burschen hatten eine helle Freude daran, dass das Kind so zutraulich war. Es mag ihnen wohlgetan haben, dass wenigstens die Kinder sie nicht als Untermenschen, sondern als Freunde betrachteten.“ Auch schwarze Frauen wurden aus ganz Deutschland rekrutiert. Einige von ihnen wurden am ganzen Körper noch dunkler geschminkt. Die Farbe musste nach dem Dreh in der Dusche des Ökonomiegebäudes wieder abgewaschen werden.
Seit 1943 nahmen die Bombenangriffe zu, die vor allem München treffen sollten. Im Sommer 1944 schlugen zwei Bomben direkt auf dem Gelände des Klosters ein. Der hölzerne Aufbau des Schweinestalls brannte lichterloh, Dachplatten des Heustadels über dem Kuhstall wurden herabgeschleudert. Abt Sigisbert Mitterer berichtete: „Die vor der alten Brauerei niedergegangene Bombe saß kaum drei Meter neben dem Eingang zum öffentlichen Luftschutzkeller, in dem vor allem die Frauen und Kinder des Dorfes Zuflucht gesucht hatten.“ Zudem entstanden große Schäden an den Obstbäumen und Viehweiden.
Zwar war am 8. Mai 1945 der Krieg offiziell beendet, doch die Zeit war weiterhin von Unsicherheit, Heimat-, Orientierungs- und Rechtlosigkeit geprägt. Dennoch blickte Abt Mitterer mit Mut in die Zukunft: Bereits im November 1945 wurden Schule und Internat wieder in Betrieb genommen. Damit war das Kloster die erste Einrichtung in Bayern, die einen Neubeginn wagte.

