Klavierkonzert Anmut und essenzieller Schauder

Herbert Schuch ist ein Pianist, der sich auch körpersprachlich in den eigenen interpretatorischen Tunnel begibt und mit hingebungsvollem Ernst spielt. Im Grünwalder August-Everding-Saal präsentierte er vier frühe Beethoven-Sonaten.

(Foto: Claus Schunk)

Der Pianist Herbert Schuch überzeugt in Grünwald mit einer so klugen wie spannungsvollen Interpretation von vier frühen Beethoven-Sonaten, darunter der "Pathetique"

Von Udo Watter, Grünwald

Die musikalische Hochbegabung von Ludwig van Beethoven ist seinem Vater Johann schon früh aufgefallen. Er trat bereits im Alter von sieben Jahre als "klavierspielendes Wunderkind" auf, aber ein Frühvollendeter im kompositorischen Sinne war er nicht. Die Höhe seines Schaffens erreichte der 1770 in Bonn geborene und 1792 nach Wien umgesiedelte Komponist erstmals um die Wende zum 19. Jahrhundert. Später folgte die so genannte "heroische Phase", er avancierte zum Vollender der Wiener Klassik und sein Spätwerk gilt - auch im raunenden Zusammenhang mit seiner zunehmenden Taubheit - als geradezu genialisch wegweisend und von verrätselter Größe.

Den Durchbruch zum eigenen Ausdrucksstil und Aufstieg in neue, ganz andere musikalische Sphären schaffte Beethoven mit der Klaviersonate, Nr. 8, der berühmten "Pathétique", die er 1798 schrieb. Der Pianist Herbert Schuch, der am Donnerstagabend im August Everding-Saal bei den "Grünwalder Konzerten" zu Gast war, hatte sie ans Ende seines Programms gestellt. Zuvor spielte er drei andere Sonaten des Komponisten, dessen 250. Geburtstag im kommenden Jahr gefeiert wird: auch sie entstanden alle vor 1800, können sich von der Bedeutung her aber keinesfalls mit der "Pathétique" vergleichen: vielleicht sind die Sonaten Nr. 4, 9 und 10 daher tatsächlich eher das, was man noch unter "Frühwerk" subsumieren könnte, obgleich letztgenannte Stücke ebenfalls 1798 entstanden. Für einen ernsthaften und akribisch herangehenden sowie sehr einfühlsamen Pianisten wie den 1979 in Rumänien geborenen Schuch ist es natürlich eine besondere Herausforderung, diese, gleichsam eher 'leichtgewichtigen', lyrisch-verspielten Stücke so spannungsvoll zu interpretieren, dass sie an so einem Abend bestehen können.

Der schon lange in Deutschland lebende, vielfach prämierte Schuch ist mit seiner sensiblen, aber auch akzentuierten Spielweise der richtige Protagonist. Bei ihm wirkt jedes Innehalten, jede agogische Verzögerung oder Forcierung wie das Ergebnis einer langen geistigen Durchdringung. Die der Baronin Josefa von Braun gewidmete neunte Sonate, welche er zu Beginn spielt, hat ihre sprühenden Passagen, lyrisch und reizvoll, bleibt aber selbst in einer phrasierungsintelligenten Interpretation wie der von Schuch eben doch: ein nicht besonders aufwühlendes, virtuoses Schmuckstück. Die ein, zwei Jahre vorher entstandene Sonate Nr.4 "Grande Sonate", die folgt, ist schon von anderer Qualität. Sie ist Babette Gräfin von Keglevics gewidmet, für die der junge Komponist damals schwärmte und ist entsprechend inspiriert. Besonders der Eröffnungssatz ist für Menschen, die mit dem pianistischen Frühwerk Beethovens nicht so vertraut sind, eine Entdeckung. Hier zeigt Schuch nicht nur erfrischende Virtuosität, sondern lässt auch dunkel-warme Klangfarben erblühen, die den späteren Meisterkomponisten andeuten. Schön auch, wie Schuch die Expressivität im Largo körpersprachlich begleitet, überhaupt dirigiert er gerne mal mit der linken Hand mit, sich versonnen im interpretatorischen Tunnel befindend. Beim Finalsatz gönnt er sich dann auch furiose, teils tänzerisch federnde Effekte, ab und an forciert durch Momente perkussiver Dramatik.

Die Sonate Nr. 10, mit welcher der 39-Jährige den zweiten Teil des Konzertes eröffnet, hat ebenfalls ihre Momente, manches hebt sich über virtuose Verspieltheit hinaus und touchiert auch dunklere Seiten. Schuch trägt auch dieses anmutige Stück variantenreich und kontrastierend sowie mit ihm eigenen hingebungsvollem Ernst vor. Gleichwohl kann auch diese Sonate nicht das entfalten, was große Musik mit uns idealiter anzustellen vermag: dieser essenzielle Schauder, diese essenzielle Schönheit, die unmittelbar ins Innere fährt. Das ist es, was die oft gehörte "Pathétique" auch an diesem Abend von den Nachbarsonaten abhebt.

Schuch beginnt den ersten Satz, die Grave-Einleitung, fast ein wenig zu getragen, er ist einer, der die Stille oder auch den erzählmotivischen Aufbau dramaturgisch gerne länger wirken lässt - bevor er sich auf die temporeiche Reise durch den explosiven, von starken dynamischen Kontrasten geprägten Kopfsatz begibt. Nicht in der auftrumpfenden Manier eines Tastenlöwen, sondern mit quasi hochsensiblem Temperament - ein, zwei Mal war die technische Präzision zwar nicht ganz optimal, aber der Vortrag ist bewegend. Auch das innig verträumte Adagio und der Finalsatz gelingen überzeugend. Auf den Applaus und "Bravo"-Rufe folgt die Zugabe: zwei Bagatellen: Beethoven. Spätwerk. Schön.