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Klassische Musik:Das Talent, mit den Händen zu sprechen

Die Ottobrunnerin Anna Handler studiert Dirigieren in Weimar und gibt mit einem eigenen Ensemble Konzerte

Von Christina Hertel, Ottobrunn

Als das Interview vorbei ist und Anna Handler das Haus verlassen hat, sitzt ihre Mutter im Wohnzimmer vor einer vollen Kanne Kaffee und vor einem vollen Teller Kekse und sagt: "Ein Künstler ist niemals fertig." Ihre Tochter Anna Handler, 24, ist Pianistin und Dirigentin und auf dem Weg, erfolgreich zu werden. Am Abend zuvor spielte sie mit ihrem Orchester "Enigma Classica" in der Reithalle in München. Das Konzert fand als ein Teil der Reihe "Stars und Rising Stars" statt, berühmte Musiker spielen da mit solchen, die es werden wollen. Ihre Dirigiertechnik sei makellos; ihr Stern sei unter allen Musikern der gewesen, der am hellsten strahlte, schreibt die Abendzeitung hinterher.

Am Samstag, 7. November, will Anna Handler mit ihrem Orchester noch einmal in ihrem Heimatort Ottobrunn auftreten. Dazwischen studiert sie Dirigieren an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar und Piano an der Folkwang Universität im Ruhrgebiet. Beide gehören zu den renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands. Vielleicht ist ein Künstler niemals fertig. Eine Mutter aber auch nicht. Vor dem Konzert am Abend zuvor schmierte sie für die Musiker Brötchen. Anna Handlers Eltern sind Ingenieure. Im Wohnzimmer gibt es keinen Fernseher, dafür stehen da ein Flügel, ein Klavier, Notenständer. An den Wänden hängen abstrakte, rote Bilder, die die Mutter gemalt hat. Sie stammt aus Kolumbien und sagt Sätze wie: "Was ist der Mensch ohne Kunst und Kultur? Soll er ein Wesen sein, das bloß isst und produziert? Das kann es doch nicht sein." Sie habe ihre Tochter nie zu etwas gedrängt, aber immer unterstützt. Beides nimmt man ihr ab. "Ich habe mich auf der Bühne immer wohl gefühlt", sagt Anna Handler.

Als sie am Abend zuvor in der Reithalle dirigiert, sieht es so aus, als würde sie die Klänge aus ihren Händen heraus erschaffen. Man kann in ihrem Gesicht lesen, wie sie die Musik von Bach und Mendelssohn-Bartholdy fühlt, wie sie leidet, wie sie sich freut und eifert. Ihre Bewegungen wirken wie ein Tanz oder wie ein Kampf, je nachdem, wie dramatisch die Musik gerade ist. Immer scheint sie jedoch in einer Sprache ohne Wörter zu kommunizieren, die nur sie selbst und ihre Musiker verstehen.

Anna Isabella Handler, Dirigentin und Pianistin aus Ottobrunn, dirigiert das Ensemble "Enigma Classica" im Oktober 2020 in der Reithalle München.

Anna Handler mit ihrem Ensemble bei der Konzertreihe "Stars and Rising Stars" in der Reithalle München.

(Foto: Ralf Dombrowski/oh)

"Ich bin dann nicht ganz in dieser Welt", sagt Anna Handler am nächsten Morgen in ihrem Wohnzimmer in Ottobrunn. Während des Konzerts sei sie Motivator, Energiespender, Impulsgeber. "Und davor eher Fußballtrainer und Unternehmer." Ihr Ensemble stellte sie 2018 aus Musikern zusammen, die sie im weitesten Sinne kannte. Sie sind alle nicht älter als Mitte 20, lernen unter anderem an den Musikhochschulen in München, Salzburg und Weimar. Für das Konzert errechnete Anna Handler das Budget, verhandelte mit den Musikern. Auf ihrem Smartphone zeigt sie die Probenpläne. Für fast jede Viertelstunde gibt es eine neue Zeile. "Niemand will seine Zeit verschwenden. Alle erwarten, dass man einen Plan hat", sagt sie. Die Welt der Musik, das spürt man schnell, wenn man mit Anna Handler spricht, ist eine, in der viel Disziplin erforderlich ist. "Pünktlich sein, ist schon zu spät", sagt Anna Handler. Diesen Spruch habe ihr Enrico de Paruta beigebracht. Ohne ihn - das betont Anna Handler oft - wäre vieles in ihrem Leben anders gekommen.

Enrico de Paruta ist ein inwischen weißhaariger Fernsehmoderator. Seit fast 30 Jahren tritt er mit seiner musikalisch arrangierten Fassung der "Heiligen Nacht" von Ludwig Thoma in der Adventszeit auf und tourt damit durch Bayern. Anna Handler sang als Zehnjährige in seinem Chor, gemeinsam mit ihrer Schwester Laura. Diese ist zwei Jahre jünger und studiert heute Violine am Mozarteum in Salzburg.

Die beiden lernten damals, was es heißt, wochenlang zu proben, aufzutreten, CDs aufzunehmen, für das Fernsehen zu singen. Eine Lehrerin hatte Anna Handler damals vorgeschlagen, sich zu bewerben. Zuvor erhielt sie Klavierunterricht von ihrer 80 Jahre alten Nachbarin. Doch mit dem Übertritt auf das musische Pestalozzi-Gymnasium in München habe sie gemerkt, dass das nicht mehr reicht. Sie bekam immer mehr und immer besseren Unterricht. Zu den "Coolen" habe sie während der Schulzeit nie gehört, sagt Anna Handler. "Alles drehte sich immer um die Musik." Und die müsse man betreiben wie einen Leistungssport.

Vieles sei Zufall gewesen, sagt ihre Mutter, zu dem auch gehörte, dass Anna Handler sich traute, die richtigen Menschen anzusprechen und von sich zu überzeugen. Zu ihren Mentoren gehörte unter anderem Oksana Lyniv, die nächsten Sommer als erste Frau bei den Bayreuther Festspielen dirigieren wird. Anna Handler assistierte ihr, verwirklichte aber auch viele eigene Projekte. Vergangenes Jahr hatte sie die musikalische Leitung von "Eva und Adam", einem Musiktheaterprojekt der Bayerischen Staatsoper, bei dem geflüchtete Menschen mitwirkten.

Ottobrunn, Anna Händler, angehende Pianistin und Dirigentin

Die Dirigentin in ihrer Wohnung in Ottobrunn.

(Foto: Angelika Bardehle)

Doch wie kam sie überhaupt auf die Idee, nicht nur Musikerin, sondern auch Dirigentin zu sein? Mit 15 habe sie ein Musiklehrer zu einem Workshop geschickt, bei dem sie einen Chor dirigierte. Bei der Prüfung am Ende habe sie die höchste Punktzahl erhalten. "Du hast ein Talent, über deine Hände zu sprechen", habe der Leiter damals gesagt und wenn Handler davon erzählt, spürt man, dass dieser Moment für sie besonders war - vielleicht, weil er aus ihr eine Künstlerin machte. Anna Handler will nicht nur Dienstleisterin sein, die Musik wiedergibt oder dafür sorgt, dass ein Konzert zustande kommt.

Ihr Traum sei, Geschichten zu erzählen und Menschen zu berühren - auch jene, die in der Welt der Klassik fremd sind. Gemeinsam mit zwei Studienkollegen würde sie gerne Videos produzieren, die erklären, wie Harmonien und Rhythmen entstehen, warum Beethoven für seine Symphonien fünf Jahre brauchte, während Popmusik manchmal in ein paar Wochen fertig ist. Schon als Jugendliche veranstaltete sie mit einem Ensemble Klassikkonzerte für Grundschüler in Ottobrunn und erklärte Zusammenhänge. Dafür kaufte sie sich mit 17 ihren ersten Dirigierstock.

Inzwischen studiert sie Orchesterdirigieren in Weimar, in ihrer Klasse ist sie die einzige Frau. Anna Handler sagt nicht, dass sie sich mehr anstrengen müsse, weil alle anderen Männer sind. Aber ihr Geschlecht ist durchaus ein Thema für sie. Das Foto in der Zeitung, darauf legt sie Wert, solle nicht zu lieblich sein, sondern sie lieber in Aktion zeigen. Auf sozialen Netzwerken postet sie keine privaten Bilder. "Ich will für die Sache wahrgenommen werden", sagt sie. Und diese Sache sei nun mal die Musik.

Vorbehaltlich der aktuellen Corona-Maßnahmen spielt Anna Handlers Orchester "Enigma Classica" am Samstag, 7. November, im Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn Werke von Bach, Strawinsky und Tschaikowski. Beginn ist um 19.30 Uhr.

© SZ vom 29.10.2020

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