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Kirchheim:"Zerstörung eines Ökosystems"

Das Gelände für das Großprojekt Kirchheim 2030 ist bereits planiert worden.

(Foto: IG Wall)

Nach Ansicht der IG Wall kaschiert die medienwirksame Verpflanzung von 18 großen Bäumen auf das Gelände der Landesgartenschau nur den Kahlschlag, der mit dem Großprojekt Kirchheim 2030 einhergeht

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

18 große Bäume durften kürzlich vom Kirchheimer Oval an der Staatsstraße auf das Gelände der künftigen Landesgartenschau in Kirchheim umziehen. Bei den Umbauarbeiten der Straße hätten die Linden, Eschen, Kirschbäume und die Hainbuche gestört, an ihrem neuen Standort dagegen sollen sie auch über die Gartenschau hinaus erhalten bleiben. Den Mitgliedern der IG Wall reicht das nicht. Den "medienwirksamen 18 Baumverpflanzungen" stehe die Zerstörung eines Ökosystems mit deutlich mehr Bäumen gegenüber, schreiben sie in einer Stellungnahme.

"Wir hatten uns dafür eingesetzt, dass bei den Planungen für Kirchheim 2030 mehr Restbestand übrig bleibt", sagt Constanze Friemert, Vorsitzende der IG Wall. Ihren Angaben nach wurden bislang bereits mehr als 100 Bäume gefällt, zusätzlich seien viele Sträucher und Büsche gerodet worden - die Ökobilanz sei trotz der Verpflanzungen also klar negativ.

Die Frage, wie viel Natur für das Projekt Kirchheim 2030 weichen darf, wird in der Gemeinde kontrovers diskutiert. Besonders an dem Wäldchen auf einem Wall neben dem alten Gymnasium entzündete sich Streit. Um mit der Vorbereitung für den Neubau der Schule beginnen zu können, wurde im Februar 2019 ein Teil des Walls abgetragen. Die Entscheidung löste Protest aus: Viele Kirchheimer und Heimstettener fühlten sich betrogen - sie gaben an, vor dem Bürgerentscheid zur Ortsentwicklung sei noch kommuniziert worden, das Wäldchen würde erhalten bleiben.

Dem widerspricht das Rathaus, die Entscheidung zur Rodung sei bereits mit dem Bürgerentscheid gefallen. Im weiteren Planungsprozess entstand die Idee, den mittleren Teil des Wäldchens in Baumgruppen in das Gelände des neuen Gymnasiums zu integrieren und in Nord-Süd-Richtung zu erweitern. Auch darüber hinaus soll Kirchheim 2030 laut dem Rathaus ein grünes Projekt sein: Im Gemeindegebiet soll eine 6345 Quadratmeter große Ausgleichsfläche entstehen. Eine 15000 Quadratmeter große Waldfläche an der Autobahn wurde aufgeforstet, nach dem Ausbau der A 99 sollen weitere 3000 Quadratmeter folgen.

Die IG Wall, die sich als Reaktion auf die geplante Abholzung des Wäldchens gegründet hatte, kritisiert die aktuellen Pläne dennoch weiterhin und plädiert dafür, noch mehr der bestehenden Bäume zu erhalten. Auch in der jüngsten Stellungnahme beziehen sich die Naturschützer erneut auf das Wäldchen beim Gymnasium: Maximal 28 Prozent des ehemals 6450 Quadratmeter großen Waldstücks sollen nach den Planungen der Gemeinde letztlich übrig bleiben - für die IG Wall zu wenig.

Laut Friemert wird das Engagement der Interessensgemeinschaft von der Gemeinde zu wenig berücksichtigt. "Uns geht es vor allem darum, dass man Planungen grundsätzlich besser der Natur anpasst. Denn die Natur ist schon länger da, man kann also auch mal eine Kurve um bestehende Bäume herum machen, anstatt einfach einen geraden Weg durch zu bauen." Der Altbestand, der für die Bebauung gerodet wird, sei nicht so einfach durch Umpflanzungen und Ausgleichsflächen zu ersetzen. Nach Aussage der Naturschützer produziert der Ersatzwald, den die Gemeinde anlegt, erst in 40 Jahren die gleiche Menge Sauerstoff wie das gefällte Waldstück. Die Gemeinde hingegen betont, bei allen Planungen stets auf einen Ausgleich der verschiedenen Interessen zu achten. Ökologie spiele dabei natürlich eine Rolle, doch auch den Städtebau und die Funktionsfähigkeit gelte es zu berücksichtigen. Bei seinen Entscheidungen könne der Gemeinderat "anders als die IG nicht nur einen einzelnen Aspekt beachten", teilt die Rathausverwaltung auf Anfrage mit. Dennoch lege man bei der Detailplanung für den Ortspark weiterhin großen Wert darauf, viel Bestandsgehölz zu erhalten. "An manchen Stellen ist das aber planerisch oder auch technisch nicht immer möglich."

Auch den Vorwurf, die Interessen der Naturschützer nicht genügend in die Planungen einzubeziehen, kann man im Rathaus nicht nachvollziehen. "Mit anerkannten Naturschutzverbänden wie dem Bund Naturschutz und dem Landesverband für Vogelschutz steht die Gemeinde in regelmäßigem Kontakt und engem Austausch", heißt es in der Stellungnahme der Verwaltung. Anfragen der IG Wall seien regelmäßig beantwortet worden.

© SZ vom 30.11.2020
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