Kirchheim:Wie die Jugendlichen denken

Kirchheim: Es geht zu wie in einem Wahllokal sonst auch: Am Kirchheimer Gymnasium wählen die Schüler am Dienstag. Das Ergebnis folgt am Sonntag.

Es geht zu wie in einem Wahllokal sonst auch: Am Kirchheimer Gymnasium wählen die Schüler am Dienstag. Das Ergebnis folgt am Sonntag.

(Foto: Claus Schunk)

Bei der Juniorwahl am Kirchheimer Gymnasium machen schon Schüler ihr Kreuz. Sie beschäftigen sich mit Politik - und geben ihrer Generation eine Stimme

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

An einer Reihe von Tischen warten die Wahlhelfer. Vor dem Raum hat sich eine Schlange gebildet, nacheinander treten die Wähler ein, zeigen ihre Wahlbenachrichtigung und den Personalausweis vor. Die Helfer händigen ihnen den Wahlschein aus, mit dem sie sich hinter eine der drei Kabinen zurückziehen, bevor sie den gefalteten Zettel schließlich in eine Urne werfen. Alles läuft an diesem Dienstagvormittag in den Klassenräumen des Kirchheimer Gymnasiums exakt so ab, wie es am Sonntag bundesweit in Wahllokalen zu beobachten sein wird - die Wählerinnen und Wähler sind lediglich etwas jünger.

"Diejenigen, um deren Zukunft es am meisten geht, sind nicht stimmberechtigt. Wir wollen ihnen trotzdem die Möglichkeit bieten, ein politisches Statement abzugeben", sagt Irmela Wedler, Fachschaftsleiterin für Geschichte und Sozialkunde am Gymnasium Kirchheim. Mit ihrer Kollegin Angelika Matzke sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Politik AG hat sie zu diesem Zweck die Juniorwahl an der Schule organisiert. Knapp 800 Schüler der Jahrgangsstufen acht bis zwölf gaben nach Angaben der Lehrerin wenige Tage vor der Bundestagswahl ihre Stimme in den sieben Wahllokalen des Gymnasiums ab.

Seit 1999 finden Juniorwahlen an Schulen in ganz Deutschland statt. Jugendliche simulieren dabei Wahlen wie die zum Bundestag oder zum Europäischen Parlament und sollen so ihr Interesse an Politik und die Freude an demokratischer Beteiligung entdecken. Die Lehrkräfte begleiten sie bei dem Prozess, beeinflussen sie aber nicht, betont Wedler. Vielmehr würden den Schülern Werkzeuge an die Hand gegeben, die es ihnen ermöglichten, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Gerade jüngere Schüler wissen oft wenig über Politik - das Thema steht im Gymnasium erst in der 10. Jahrgangsstufe auf dem Lehrplan. Deshalb gab es vorab mehrere Unterrichtsstunden, wie Wedler berichtet. Auch fachfremde Lehrkräfte wie Magdalena Martineau machten da mit. Sonst unterrichtet sie Französisch und Englisch, in der vergangenen Woche brachte sie Neuntklässlern unter anderem bei, wie eine demokratische Wahl abläuft, wer gewählt wird und wieso man überhaupt wählen sollte. "Es ging darum, wie wichtig es ist, seine Stimme sichtbar zu machen", erzählt Martineau. "Man muss den Jugendlichen bewusst machen, dass es dabei um ihre Zukunft geht." Ihre Schüler hätten die Botschaft verstanden, ist die Lehrerin überzeugt. "Auch für mich war das sehr bereichernd. Die politische Bildung sollte allgemein mehr in den Unterricht einfließen."

Vielen Jugendlichen, die durch die Gänge vor den Wahllokalen laufen, ist die Begeisterung über das Projekt anzumerken. Schon vor dem 18. Geburtstag selbst wählen zu dürfen, das sei eine spannende Erfahrung, bestätigen mehrere. Es handele sich um eine freie Wahl, sagt Wedler, niemand müsse seine Stimme abgeben. Die Wahlbeteiligung sei dennoch hoch - nur vereinzelte Lücken finden sich auf den Listen des Wählerverzeichnisses.

Zehntklässlerin Ami interessiert sich eigener Aussage nach stark für Politik, verfolgte alle drei Trielle der Kanzlerkandidaten. Das sei jedoch nicht bei jedem ihrer Mitschüler so: "Ich sehe in meiner Klasse, dass viele wenig Ahnung von Politik haben." Dass auch jüngere Schüler die Gelegenheit zum Wählen bekommen, darüber freut sich Neuntklässler Adnan: "Je älter man wird, desto mehr Verantwortung muss man übernehmen. Hier kann man sich schon mit dem Thema beschäftigen, bevor irgendwann die Stimme zählt."

Ein Elftklässler sieht die Juniorwahl eigenen Worten zufolge als Gelegenheit, Politikern zu zeigen, wie die Jugendlichen denken. Dass diese eigene Prioritäten setzen, zeigen die Ergebnisse der U 18-Wahl, eines ähnlichen Projekts, das vergangene Woche landkreisweit stattfand: Die Grünen wurden mit rund 22 Prozent stärkste Kraft vor CSU und SPD. Schülerin Ami rechnet damit, dass die Grünen auch bei den Kirchheimer Gymnasiasten vorne liegen. Die bundesweiten Ergebnisse der Juniorwahl werden am Sonntag veröffentlicht, wenn die Wahllokale der echten Bundestagswahl schließen.

© SZ vom 22.09.2021
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