Schulterblick. Handzeichen geben, auf den Gegenverkehr achten. Man muss an vieles denken, wenn man mit dem Fahrrad im Straßenverkehr unterwegs ist. Das haben die Mädchen und Buben der 4b der Grund- und Mittelschule Kirchheim in den vergangenen Wochen oft geübt, immer dann, wenn der Laster der Jugendverkehrsschule mit „Frau Meier und Frau Müller“, wie die Kinder die beiden Polizeibeamtinnen stets freudig begrüßen, bei ihnen Station macht. Frau Meier und Frau Müller von der Münchner Polizei verwandeln den Pausenhof dann jedes Mal in einen Verkehrsübungsplatz.
Angela Maier und Bernadette Müller sind seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. Sie machen die Grundschüler im Landkreis München vor dem Übertritt auf weiterführende Schulen fit für die Radführerscheinprüfung, fit für den Straßenverkehr. Fahrradfahren sollte jeder allerdings vorher schon sicher können. Doch zunehmend ist genau das ein Problem. Nicht nur in der Stadt, sondern inzwischen auch im Münchner Umland.
Den Fahrradführerschein, die Wimpel für die bestandene Prüfung und den großen Lastwagen voller Fahrräder und Verkehrsschilder kennen die meisten noch aus ihrer eigenen Kindheit. Auch Landrat Christoph Göbel, Jahrgang 1974, kann sich noch gut an die Verkehrserziehung an der Gräfelfinger Grundschule erinnern, wie er sagt. An diesem Vormittag kurz vor den Sommerferien ist der CSU-Politiker gemeinsam mit dem Münchner Polizeipräsidenten Thomas Hampel nach Kirchheim gekommen, um die Urkunden an die Viertklässler zu verteilen, symbolisch für die etwa 4000 Schülerinnen und Schüler, die allein im Landkreis München jährlich an der Verkehrserziehung und der abschließenden Prüfung teilnehmen.
Und um sich den neu gestalteten Lkw anzuschauen, der jetzt ein wenig bunter aussieht als früher, und auf dem neben dem Logo des Landkreises auch das des Polizeipräsidiums München aufgeklebt ist, eine Kooperation, die es mittlerweile seit 65 Jahren gibt. Göbel sagt: „Die rollenden Klassenzimmer sind eine wichtige Investition in die Sicherheit und Zukunft unserer Kinder. Der Landkreis München stellt dafür aus voller Überzeugung die notwendigen Mittel bereit. Entscheidend für den Erfolg der Jugendverkehrsschule ist jedoch das tägliche Engagement der Polizei.“

Und dann haben Göbel und Hampel noch ein paar Tipps für die Mädchen und Buben parat: „Man muss aufpassen, immer links, rechts, links schauen“, sagt Göbel. Die Autofahrer seien manchmal nicht so achtsam, möglicherweise, weil sie spät dran sind und es eilig haben. Polizeipräsident Hampel hebt auf etwas anderes ab: „Die Erwachsenen fahren schnell mal mit dem Rad durch den Ort ohne Helm. Oder sie meinen, eine rote Ampel sei nur eine Empfehlung.“ Sein Appell an die Kinder ist daher, es besser zu machen und das Gelernte in der Praxis auch umzusetzen. 13 Laster mit Verkehrserziehern an Bord schickt das Polizeipräsidium regelmäßig morgens von der Tegernseer Landstraße los, vier davon sind im Landkreis München unterwegs. Ihre Ziele sind insgesamt 251 Schulen.
Und dort üben die Polizeibeamten und -beamtinnen dann die Vorfahrtsregeln, die Beachtung der Stoppschilder, das Linksabbiegen, auch was ein toter Winkel bedeutet und warum der so gefährlich ist. In Haar gibt es speziell zu diesem Thema einen Extratermin mit älteren Schülern. Denn dort ist vor elf Jahren ein 13-jähriger Radfahrer ums Leben gekommen, weil ein Lkw-Fahrer ihn beim Rechtsabbiegen übersehen hatte. Auch in Herrsching legt man an der Grund- und Mittelschule besonderen Wert darauf, dass die Kinder die gefährlichen Bereiche rund um einen Lkw aus nächster Nähe kennenlernen. „Raus aus dem toten Winkel“, heißt das Projekt, zu dem Manfred Fechter von Mannis Fahrschule im Ort mit seinem großen Brummi auf den Schulhof kommt und die Kinder selbst einmal im Führerhaus Platz nehmen, um zu sehen, wie schnell Fußgänger und Radfahrer im toten Winkel verschwinden können.

Frau Müller und Frau Maier haben in ihrem Laster ein paar Kinderzeichnungen mit Motiven von der Verkehrserziehung aufgehängt, Geschenke von Schülerinnen und Schülern. Aber auf einer Seite klebt auch ein Zeitungsausschnitt von einem Unfall, bei dem ein Mädchen in Rosenheim schwer verletzt wurde. Ein Symbolfoto macht zudem deutlich, was passiert, wenn man seinen Helm nicht ordentlich aufsetzt. Und ein Bild zeigt Angela Meier vor einem riesigen Lkw. „So sehen die Kinder, dass selbst eine Frau Meier vor einem so großen Lastwagen verschwindet“, sagt sie.
Sie wollen den Schülerinnen und Schülern damit keine Angst machen, aber sie für die Gefahren des Straßenverkehrs sensibilisieren. „Meist sind sie dann sehr nachdenklich und verstehen das auch“, sagt Bernadette Müller. Gefahrensituationen sprechen sie durch, wenn es situationsbedingt gerade passt, wenn auf dem Übungsplatz jemand das Handzeichen vergessen oder die Vorfahrtsregel missachtet hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben im vergangenen Jahr in Deutschland 53 Kinder unter 15 Jahren infolge eines Verkehrsunfalls, im Jahr 2023 waren es 44. Die Anzahl der verletzten Kinder lag wie im Vorjahr bei 27 200. Das bedeutet, dass 2024 im Schnitt alle 19 Minuten ein Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt wurde. 21 Kinder kamen als Insassen eines Pkw ums Leben, 21 waren zu Fuß und acht mit dem Fahrrad unterwegs.

Und dann steht ja nach der Prüfung auch für die 4b der Kirchheimer Grundschule noch eine gemeinsame Fahrt im „Realverkehr“ auf dem Programm. Da merke man dann, dass selbst die Eltern, die sie dabei begleiten, nicht mit allen Verkehrsregeln so vertraut sind, da die Führerscheinprüfung schon etwas zurückliegt, sagt Verkehrserzieherin Müller. Was zum Beispiel ist genau eine Fahrradstraße, wie verhalte ich mich im Kreisverkehr und wer hat bei einer verkehrsberuhigten Zone Vorfahrt? Der Deutsche Kinderschutzbund mahnte aus Anlass des Tags der Verkehrssicherheit im Juni: „Leider vergessen die Erwachsenen viel zu schnell, wie schwierig und gefährlich viele Situationen im Straßenverkehr für sie als Kind waren. Deshalb sollten sie immer wieder einen Perspektivwechsel vornehmen und sich in die Lage von Kindern hineinversetzen, um die besonderen Bedürfnisse von Kindern im Straßenverkehr zu verstehen.“
„Mindestens einer in der Klasse ist immer dabei, der gar nicht oder nur sehr unsicher Rad fahren kann“
Doch wie soll man als Zehnjähriger an all die Regeln denken, wenn man gleichzeitig Mühe hat, auf dem Fahrrad das Gleichgewicht zu halten? Das ist ein Problem, das laut Müller und Meier tatsächlich zugenommen hat. „Mindestens einer in der Klasse ist immer dabei, der gar nicht oder nur sehr unsicher Rad fahren kann“, sagt Meier. „Es ist genauso wie beim Schwimmen“, sagt sie. Obwohl es zum frühzeitigen Üben Laufräder und sehr kleine Fahrräder gibt, lernen nicht mehr alle Kinder, sich sicher im Sattel zu halten. „Vermutlich auch, weil sich das Leben der Kinder viel mehr drinnen abspielt und Eltern zu wenig mit ihnen üben“, so Meier.
Die Politik hat inzwischen darauf reagiert, und so beginnt man seit vergangenem Jahr bereits in der zweiten und dritten Klasse damit, mit Übungen auf Roller und Fahrrad das Gleichgewicht, die Konzentration und Reaktion zu schulen, bevor in der vierten Klasse die Verkehrsregeln dazukommen. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, appellierte nach der Ankündigung dieser Änderung des Kultusministeriums vergangenen Herbst allerdings auch an die Mütter und Väter: „Sicherheit auf dem Fahrrad ist etwas, was auch die Eltern zu Hause trainieren müssen.“
Dass es mit dem Fahrradführerschein in der vierten Klasse allein nicht getan ist, um sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen, hat man auch in Puchheim erkannt. Die dortige Realschule hat ein Projekt für die fünfte bis zehnte Jahrgangsstufe konzipiert, das sich aus verschiedenen Modulen zusammensetzt. Die Kinder überprüfen ihre Fahrräder in der Bike-Factory, üben das richtige Bremsen, bewältigen einen Fahrradparcours, erlernen die Basics der Ersten-Hilfe und überprüfen ihr erworbenes Wissen in einem Quiz. Ab der Jahrgangsstufe sieben wird zudem über Ablenkung und über Alkohol im Straßenverkehr gesprochen. Dafür hat die Schule kürzlich den Förderpreis „Innovative Verkehrserziehung“ der Verkehrswacht Bayern erhalten.
Weiter mit den Eltern zusammen zu üben, das raten auch Meier und Müller, insbesondere denjenigen, die noch unsicher auf dem Rad unterwegs sind. Die meisten Übungsplätze befinden sich zwar auf den Schulhöfen und sind daher nicht öffentlich zugänglich. In Kirchheim, wo der Pausenhof direkt neben dem Ortspark liegt, ist das aber kein Problem.
Wo Eltern mit ihren Kindern rund um München üben können
Auch in anderen Gemeinden und Städten im Münchner Umland gibt es Verkehrsübungsplätze für Radfahrer, die jeder nutzen kann. Im Landschaftspark Hachinger Tal zwischen Unterhaching, Neubiberg und Ottobrunn kann man nicht nur auf der Landebahn des ehemaligen Flugplatzes das sichere Geradeausfahren üben. Auf einem aufgemalten Verkehrsübungsplatz auf Unterhachinger Seite direkt nach dem Eingang auf der linken, nördlichen Seite lassen sich auch das Abbiegen und die Verkehrsregeln trainieren.
Der Verkehrsübungsplatz der Stadt Geretsried am Robert-Schumann-Weg 2 steht allen offen, die mit ihren Kindern das richtige Einordnen, Abbiegen und Signalgeben beim Fahrradfahren trainieren wollen. Er verfügt über eine Kreuzung, einen Kreisverkehr und eine Einbahnstraße, zudem gibt es eine Grundbeschilderung. Hauptnutzer ist die Kreisverkehrswacht, die dort Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Nordlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen trainiert. Dann wird auch eine kleine Ampelanlage im Kreuzungsbereich aktiviert. Ansonsten heißt es am Robert-Schumann Weg: rechts vor links.

Seit 25 Jahren gibt es in Bad Tölz den Verkehrsübungsplatz an der Eichmühlstraße, gleich neben dem Naturfreibad. Das etwa 70 Meter lange Grundstück gehört der Stadt, betrieben wird das Übungsareal von der Kreisverkehrswacht Bad Tölz-Wolfratshausen, die zusammen mit der örtlichen Polizei dort eine Jugendverkehrsschule betreibt. Außerdem bietet die Kreisverkehrswacht regelmäßig ein Sicherheitstraining für Radlerinnen und Radler an, auch mit Pedelecs. Der Platz ist unter anderem mit einem großen Kreisverkehr und einer Ampelanlage ausgestattet. Wenn nicht gerade Übungsstunden stattfinden, ist er öffentlich zugänglich.
Einen Kreisverkehr und zwei kleine Steigungen bietet der Verkehrsübungsplatz in Grafing. Jederzeit können dort kleine und etwas größere Fahrradanfänger üben. Auch für Laufräder, Roller, Kettcars und Inlineskates ist der 80 Meter lange Platz ideal. Und: Nur hundert Meter weiter gibt es einen coolen Dirtpark für die geübteren Fahrradfahrer. Parken kann man gegenüber einer Schule, die Adresse lautet Kapellenstraße 19.
Der Verkehrsübungsplatz in Vaterstetten liegt ganz versteckt, eingeschlossen von Bäumen und Hecken. Deswegen ist er nicht einfach zu finden. Doch wenn man die Richard-Wagner-Straße von der Carl-Orff Straße kommend entlangfährt, zweigt links eine schmale Straße ohne Namen ab. Diese endet in einer Sackgasse mit Parkmöglichkeiten, direkt neben dem Eingang zum Verkehrsübungsplatz.
Auf dem Volksfestplatz in Olching gibt es aufgemalte Linien, und wenn das Gelände nicht anderweitig belegt ist, ist es rund um die Uhr zugänglich. Die Verkehrszeichen malen sich manche übende Kinder hier einfach selbst mit Kreide auf.
In Erding können Kinder gleich neben dem Volksfestplatz und dem Hallenbad das Fahrradfahren trainieren. „Viele wissen gar nicht, dass es vor Ort einen öffentlichen Verkehrsübungsplatz gibt“, sagt Michael Wiesner, Vorstandsmitglied des Erdinger ADFC.

