Kirchheim:Die Kiesel-Künstlerin

ASCHEIM: Steinburgen am Heimstettener See

Carmen Finkenzeller beim Türmen der Steine.

(Foto: Leonhard Simon)

Carmen Finkenzeller baut jeden Sommer mächtige Steintürme im Heimstettener See. Die fragilen Gebilde halten einiges aus. Doch Neugierige und Gewitter bringen die Skulpturen früher oder später zum Einsturz.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Mehr als einen Meter ragt der höchste der filigranen Türmchen aus dem Wasser. Knapp über der Oberfläche des Sees finden die Wellen eine kleine Lücke zwischen den aufeinandergeschichteten Steinen, spülen mit leisem Plätschern hindurch. So fragil wirkt das Gebilde, als müsste es jeden Moment umstürzen. Und doch hält die Konstruktion stand - zumindest, bis das nächste Gewitter am Heimstettener See wütet.

Carmen Finkenzeller steht auf der Wiese am Ufer vor ihrem soeben vollendeten Steinturm und blickt in den Himmel. Erst am Morgen seien dunkle Wolken vorübergezogen, erzählt sie, kurze Zeit habe sie gebangt. Doch Regen und Wind verschonen den Münchner Osten an diesem Vormittag, Finkenzellers Kunstwerk hat noch eine Weile Bestand.

ASCHEIM: Steinburgen am Heimstettener See

Echte Handarbeit: Finkenzellers Steintürme im Heimstettener See.

(Foto: Leonhard Simon)

Knapp zehn Jahre ist es ihren Schilderungen zufolge nun her, dass sie ein Pärchen am See beobachtete, das Türmchen aus Kieseln baute. Nur drei, vier Steine schichteten die beiden aufeinander, dennoch fand Finkenzeller Gefallen daran und fing ebenfalls an. Immer weiter baute sie, der Ehrgeiz war geweckt. Jeden Sommer ist die Feldkirchnerin seither eigener Aussage nach regelmäßig am Heimstettener See zu finden, wo sie immer neue Kunstwerke errichtet.

Es ist vor allem Übungssache, ein solch hohes und detailliertes Gebilde erschaffen zu können, wie Finkenzeller sagt. Wichtig seien Ruhe, Konzentration und Geduld - immerhin komme es durchaus vor, dass nach tagelangen Arbeiten kurz vor Fertigstellung ein Windstoß das gesamte Werk zum Einsturz bringe und man das Bauen von Neuem beginnen müsse, erzählt sie.

Auch die richtigen Steine braucht es, diese lassen sich laut Finkenzeller nicht am Ufer des Sees finden. Jedes Frühjahr muss sie neue suchen, die alten verschwinden über den Winter. Unterstützt von ihrem Sohn fährt die 51-Jährige mit ihrem Stand-up-paddle-Board über den See und holt geeignete Steine aus dem Wasser, die sie dann zum Bauen ans Ufer bringt.

Entscheidend ist das richtige Verhältnis, erläutert Finkenzeller. Als Fundament sind besonders große Steine nötig. "Wasser hat einen enormen Auftrieb, sogar bei Steinen. Wenn man nur kleine Kiesel aufeinanderlegt, hat man keine Stabilität." Selbst die kleinste Welle würde ein solches Gebilde zum Einsturz bringen.

Stück für Stück lässt Finkenzeller ihre Burg über den Fundamentsteinen immer höher wachsen, erst noch im Wasser, dann über der Oberfläche. Nicht jeder Stein passt an jede Stelle, die Künstlerin muss unter anderem auf das Gewicht und die Form achten. Zwei bis drei Stunden kann sie maximal am Stück bauen, sagt sie - dann lasse die Konzentration nach. Das Bauen sei auch körperlich anstrengend, zur Entspannung schwimmt die Feldkirchnerin eigener Aussage nach zwischendurch eine Runde.

Insgesamt dauert es zwei bis drei Tage, bis Finkenzeller an einen Punkt kommt, "an dem die Klugheit siegen muss", wie sie selbst sagt. Es sei durchaus manchmal verlockend, noch einen kleinen, runden Stein auf die Spitze eines Türmchens zu legen - oft zerstöre aber genau dieser Kiesel das empfindliche Gleichgewicht. Woran sie erkennt, dass ihr Kunstwerk keinen weiteren Stein verträgt? "Das ist reine Gefühlssache."

Auch einige neugierige Badegäste mussten laut Finkenzeller bereits feststellen, wie zerbrechlich das Gebilde sein kann. "Manche meinen: Da kann ich doch noch einen Stein drauflegen", sagt sie. Freilich würde so mancher die Burg auch mutwillig umwerfen. Doch die häufigste Ursache der Zerstörung sei mangelnde Vorstellungskraft: "Die Leute glauben nicht, dass das nur durch Schwerkraft und Gleichgewicht hält. Schon ganz viele haben gemeint, das sei doch geklebt."

Tatsächlich nähert sich wenig später ein Schwimmer vorsichtig der Burg von der Wasserseite aus, betrachtet die Steine, umrundet das Gebilde. Das Kunstwerk anzufassen, traut sich der Mann offensichtlich doch nicht - die Burg bleibt unversehrt, er schwimmt weiter.

Die Leute sind überwiegend begeistert von ihren Werken, erzählt Finkenzeller, die beruflich Stadtführungen durch München anbietet. Häufig werde sie von Passanten angesprochen, wenn sie im Wasser steht und baut oder neben ihrer Burg auf der Wiese liegt, viele würden Fotos machen. "Man kommt mit den Leuten ins Gespräch." Einige Badegäste wüssten bereits aus den Vorjahren von Finkenzellers Arbeit, "die warten dann schon im Frühjahr darauf".

Den ganzen Sommer über baut Finkenzeller ihre Burgen, die nicht nur durch neugierige Menschen, sondern auch durch Wind und Regen immer wieder zum Einsturz gebracht werden. Beim Wiederaufbau entstehen jedes Mal andere Gebilde, keine Burg gleicht der vorherigen. Vor einigen Jahren, erzählt sie, erinnerte das Ergebnis sie an eine thailändische Pagode, im vergangenen Herbst an Stonehenge. Im Vorhinein legt Finkenzeller sich aber nie auf einen bestimmten Stil fest: "Es ist einfach ein Ausprobieren, was geht und was nicht."

© SZ vom 28.08.2021/wkr
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