Süddeutsche Zeitung

Kirchheim:Der Feindseligkeit auf der Spur

Im Rahmen eines P-Seminars beschäftigen sich Kirchheimer Gymnasiasten mit Hass gegenüber Menschen, die anderen Glaubens sind. Ihre Arbeit wurde nun vom Kultusministerium ausgezeichnet.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Der geplante antisemitische Anschlag auf die jüdische Gemeinde in Halle am 9. Oktober 2019 war für Marion Haass-Pennings "der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat". Ein extremistischer Täter wollte an diesem Tag während der Feierlichkeiten zu Jom Kippur in die Synagoge eindringen, um gezielt Gläubige zu ermorden. Die verriegelte Holztür des Gebäudes hielt ihn von seinem Vorhaben ab, dennoch erschoss er auf der Straße zwei unbeteiligte Passanten.

Für Haass-Pennings, die als Religionslehrerin am Kirchheimer Gymnasium arbeitet und sich schon länger mit der Feindseligkeit beschäftigt, mit der manche Menschen Juden oder auch Muslimen gegenübertreten, war nach dem Anschlag von Halle eines klar: "Wir müssen an unserer Schule etwas machen und ein Zeichen setzen." Mit einem P-Seminar, dessen Arbeit nun vom bayerischen Kultusministerium ausgezeichnet wurde, wollte die Pädagogin ihre Schüler sensibilisieren für ein Thema, das auch heute noch erschreckend aktuell ist.

Denn immer wieder werden Juden oder Muslime aufgrund ihres Glaubens angefeindet oder angegriffen. "Mich schockiert das, wenn ich so etwas in den Nachrichten sehe", sagt Severin Neufeld. Der Drang, ein Zeichen gegen solchen Hass zu setzen, war für den Zwölftklässler eigener Aussage nach die Motivation, sich in dem Seminar eingehender mit Antisemitismus und Islamfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Sein Mitschüler Julian Preis hat bereits selbst erlebt, wie in der U-Bahn jemandem die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Auch er stellte sich die Frage: Was bringt Menschen dazu, sich anderen gegenüber so feindlich zu verhalten?

Nach Auffassung der Schüler sind es vor allem Vorurteile und fehlendes Wissen, die die Grundlage für Hass und Feindseligkeit bieten. Dass sie selbst ebenfalls keine Experten für Judentum und Islam waren, bevor sie sich in Haass-Pennings Seminar einschrieben, räumen sie bereitwillig ein. "Ganz am Anfang haben wir ein Quiz über die beiden Religionen gemacht", erzählt Dennis Rohe. "Dabei kam heraus, dass wir doch relativ wenig wussten."

Die Kultur und Traditionen werden beleuchtet

Um das zu ändern, suchten die Schüler direkte Gespräche mit Juden und Muslimen. "In diesen Begegnungen haben wir gesehen, wie die Betroffenen mit der Feindseligkeit umgehen", berichtet Moritz Stickl. So wurde ihnen bewusst, wie verbreitet der Hass noch immer ist. Dennis Rohe erinnert sich etwa an die Geschichte, die ihm eine junge Jüdin erzählte: Als Kind wurde sie hinter den Mülltonnen im Pausenhof verprügelt, weil sie einen Davidstern trug. Betroffen zieht Severin Neufeld eine Kette mit einem kleinen Kreuzanhänger unter seinem Pullover hervor. Er trage das Kreuz immer, sagt er, doch noch nie sei er deswegen angefeindet worden. Dass jemand wegen eines solchen religiösen Symbols, egal welchen Glaubens, angegriffen werde, sei "kein angenehmer Gedanke".

Bei den Treffen sei es jedoch nicht nur darum gegangen, Erfahrungen von Diskriminierung zu hören, sagt Zwölftklässler Kilian Jürgens. "Wir haben auch viel über Kultur und Traditionen gelernt, zum Beispiel über koscheres Essen." Dieses neu gewonnene Wissen gaben die Schüler in einer Ausstellung schließlich weiter.

"Wir wollten damit auch zeigen: Judentum bedeutet nicht nur sepiafarbene Fotos von Ermordeten. Und Islam ist nicht gleich Terrorismus", sagt Lehrerin Haass-Pennings. "Religionen können auch mit Spaß verbunden sein." Die Lebensfreude vermitteln, die zum Beispiel die Feste und Traditionen der Religionen bieten, war nach Aussage der Lehrerin ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung. "Man sollte Judentum und Islam mit allen Sinnen erleben können", so Haass-Pennings.

Die Besucher konnten bei der einwöchigen Ausstellung Mitte Januar also zum Beispiel ungesäuertes Brot probieren, das traditionell zum jüdisches Pessachfest gegessen wird. Oder sie rochen an einem kleinen Flakon, der mit Rosenwasser gefüllt war. Denn im Islam, so Haass-Pennings, glaube man, dass es im Paradies nach Rosen dufte. "Deshalb spritzt man Besuchern ein paar Tropfen Rosenwasser auf die Handgelenke. Das soll symbolisieren, dass sie sich bei ihrem Besuch wie im Paradies fühlen können." Doch auch weniger angenehme Erfahrungen thematisierte die Ausstellung: In einem engen, dunklen Raum waren etwa Zuggeräusche zu hören. So sollte man zumindest ansatzweise nachempfinden können, wie sich Juden gefühlt haben, die während der NS-Zeit "unter schlimmen Bedingungen durch Deutschland transportiert wurden", sagt Schüler Dennis Rohe.

Die Zwölftklässler haben durchaus den Eindruck, ihr Ziel erreicht zu haben, wie sie sagen. Der P-Seminar-Preis, mit dem das Kultusministerium ihren Einsatz kürzlich würdigte, ist für sie eine weitere Bestätigung. Noch wertvoller ist für Moritz Stickl aber, "dass dieses Thema dadurch noch mehr Aufmerksamkeit in ganz Bayern bekommt".

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