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Kirchheim:Plötzlich Populistin

Bunte Fähnchen helfen den Teilnehmern des Planspiels, sich in ihre Rollen hineinzuversetzen.

(Foto: Claus Schunk)

Beim Planspiel "Europa im Rathaus" schlüpfen Interessierte in die Rolle von fiktiven Abgeordneten. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen - denn die politische Richtung, die sie vertreten, dürfen sie sich nicht aussuchen

Kleine Länderflaggen stehen auf den im Halbkreis angeordneten Tischen, 28 Stück sind es insgesamt. Die bunten Stoffstücke wehen leicht, als die Eingangstür sich öffnet und ein Mann den Raum betritt. Er geht zielstrebig an das offene Kopfende der Tische und beginnt, die zusammengehefteten Papierbögen in seinen Armen an alle Anwesenden auszuteilen: "Meine lieben fiktiven Abgeordneten, Sie sehen hier den Vorschlag für eine Richtlinie über die Förderung sauberer Straßenfahrzeuge zur Unterstützung einer emissionsarmen Mobilität. Bitte beraten sie sich nun innerhalb ihrer Parteien über eventuelle Einwände", sagt Stefan Rappenglück und stellt eine große rote Stoppuhr auf 30 Minuten ein. Der Politikwissenschaftler ist zufrieden, als augenblicklich Leben in den Kantinenraum der Grund- und Mittelschule Kirchheim kommt. Stühle werden verschoben, Kugelschreiber hervorgekramt und bereits die ersten Absätze des vierseitigen Vorschlags mit neonfarbenen Filzstiften bearbeitet.

Denn die 16 Kirchheimer sind Teil des Planspiels "Europa im Rathaus", das im Frühjahr 2019 zum ersten Mal im Landkreis München stattfindet. Dabei schlüpfen sie am Freitagabend für vier Stunden in die Rolle von EU-Parlamentariern und diskutieren über die Durchsetzung einer Richtlinie und einer Verordnung.

"Wir als Gemeinde haben sofort zugesagt, als wir von dem Projekt gehört haben, schließlich steht dieses Jahr unter dem Motto EU", sagt Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) in seiner Rede. Böltl wendet sich an die anwesenden Schüler im Raum: "Ich habe in eurem Alter ein Praktikum im EU-Parlament gemacht und gemerkt, wie wenig man normalerweise von den ganzen Prozessen und Entscheidungen mitbekommt. Für viele ist die EU nur die Krümmung von Bananen aber es ist wichtig, auch die ganzen Vorteile sehen", sagt er bestimmt.

Für Michael Brost und Tom Willhalm ist das selbstverständlich. Die beiden 16-Jährigen sind EU-Fans, heute wurden sie der Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken zugewiesen. Konzentriert lesen sie einen Absatz nach dem anderen, die Ränder ihres Vorschlags sind bereits nach zehn Minuten vollgeschrieben. "Also, wir wollen den CO₂-Ausstoß senken und den Energieverbrauch reduzieren. Ahja, und nebenbei noch ein paar Arbeitsplätze schaffen", sagt Michael zu seinem fiktiven Parteikollegen. Der schiebt seinen Stuhl nach hinten und sagt: "Ja, das wird gut zur Energiepolitik von den Grünen passen. Lass uns mal kurz zu denen rüber gehen, vielleicht können wir uns ja zusammentun."

Während die beiden Jugendlichen sich mit ihren grünen Klassenkollegen am anderen Ende des Raums kurzschließen, seufzt eine ältere Frau am Nebentisch laut auf. Denn: Welcher Partei aus welcher Nation man angehört, ist zuvor per Zufallsverfahren festgelegt worden. Auch den individuellen Lebenslauf und die persönlichen politischen Einstellung ihres Alter Egos haben die Teilnehmer auf einer DIN-A4-Seite vorgelegt bekommen. So kann Helen Kerzendorf nicht viel mit den Werten der EU-kritischen EFDD anfangen. Für die nächsten vier Stunden allerdings ist die Rentnerin Jenny Brown aus dem englischen Boston, Leiterin eines Fischerei-Unternehmens und Vertreterin der rechtspopulistischen Partei Ukip. "Auch wenn ich mich zwar mit dieser Einstellung nicht identifizieren kann, würde ich trotzdem die Schaffung eines zentralisierten europäischen Superstaates ablehnen", sagt sie bestimmt zu ihrem 15-jährigen Parteikollegen und markiert sich eine Stelle des Exposés.

Von der Idee des Planspiels ist die Wahl-Kirchheimerin begeistert, so war ihre Beziehung zu einem gemeinsamen Europa schon immer eine enge. "Ich verfolge die EU schon seit meinen Jugendtagen. Ich bin im Saarland aufgewachsen, da hat man die Entwicklung zwischen Deutschland und Frankreich natürlich sehr intensiv mitbekommen und sich immer gefreut, wenn über die Jahre mehr und mehr Austausch stattgefunden hat", erzählt sie.

Eine schrille Glocke schreckt sie auf. Die halbe Stunde Beratungszeit ist vorbei, und alle Abgeordneten finden sich wieder an ihren Tischen ein. In einigen Sätzen formuliert eine Partei nach der anderen ihre ausgearbeiteten Einwände. Gestritten werden dürfe hier und jetzt allerdings nicht, denn es handle sich um einen unkommentierten Meinungsaustausch, erklärt Rappentreu die Regeln. Der Politikwissenschaftler und Dozent entwickelt und moderiert seit mehr als zwanzig Jahren Planspiele.

Von dem Engagement seiner bunt gemischten Teilnehmer ist er immer wieder begeistert. Er sagt: "Es ist etwas ganz anderes, mal selbst die Position Griechenlands zur Asylpolitik als Abgeordneter zu beurteilen. Politische Prozesse, die weit weg erscheinen, werden greifbar. Das motiviert besonders junge Menschen sehr."