Süddeutsche Zeitung

Projekt zur Landesgartenschau:Freund Baum, wie geht's?

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Die Wissenschaftler des Start-ups Treesense wollen in Kirchheim Linden, Eschen, Kirschen und Buchen zum Sprechen bringen, indem sie deren Wasserhaushalt mit speziellen Sensoren messen.

Von Iris Hilberth, Kirchheim

Manchmal, wenn man beim Waldspaziergang ganz still ist und lauscht, wie der Wind durch die Baumkronen streicht, die Äste knacken oder Regentropfen auf die Blätter platschen, könnte man meinen, sie hätten etwas gesagt, die Eichen, die Buchen und die Fichten. Ist natürlich Einbildung. Selbst der eingefleischte Tolkien-Fan, der sich gerne mal ins Auenland träumt und vielleicht sogar im Wald eine Begegnung mit den sprechenden Baumwesen namens Ents aus Herr der Ringe herbeisehnt, erwartet nicht wirklich, dass Bäume eine Mitteilung zu machen haben. Vielleicht haben sie das aber doch. Die Gemeinde Kirchheim will es jetzt wissen.

Nur mal angenommen, Bäume könnten sprechen. Was würden sie wohl sagen? Vermutlich würden sie sich beschweren, über die Trockenheit und die Hitze, sie würden den Stress mit dem Borkenkäfer beklagen und ihre Angst vor dem Asiatischen Laubholzbockkäfer und einer möglicher Abholzung artikulieren. Wer weiß schon, ob sie es okay finden, dass ständig irgendein Hund vorbeikommt, der meint, ausgerechnet hier sein Revier markieren zu müssen?

In Kirchheim ist man als Ausrichter der Landesgartenschau 2024 auch daran interessiert, die Pflanzen besser zu verstehen. Klar ist, dass es nicht reicht, Bäume zu umarmen, damit die sich wohl fühlen. Also gehen die Kirchheimer die Sache jetzt wissenschaftlich an und lassen ein Start-up an die Äste ran, das verspricht, mit dem Wissen und Prozessen aus der Medizintechnik Bäume zum Sprechen zu bringen. "Making trees talk" lautet der Slogan des jungen Unternehmens Treesense, das sich im September aus dem Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Biomedizinische Elektronik an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der TU München heraus gegründet hat. Ein erstes Forschungsprojekt hat "Treesense" mit der städtischen Baumschule in München durchgeführt.

Nun können die Wissenschaftler Giancarlo Foderà, Semir Babajić, Julius Kübler und Moritz Spielvogel natürlich weder das Gras wachsen hören noch den Sound der Wälder deuten. Vielmehr messen sie den Wasserhaushalt von Bäumen mit einem eigens entwickelten Sensor und können damit auf deren allgemeinen Gesundheitszustand schließen. Setzt also zum Beispiel Trockenheit dem Baum zu, können die Daten dies frühzeitig erkennen, so der Plan.

"Mit den gesammelten Daten kann der Landwirt, Baumpfleger oder Förster die Pflege des Baumes optimieren, um die jeweiligen Ergebnisse zu verbessern", verspricht Treesense auf seiner Webseite. Denn sei der Trockenstress erst einmal zu weit fortgeschritten, nehme ein Baum unumkehrbaren Schaden und könne auch durch äußere Hilfsmaßnahmen nicht mehr in den ursprünglich gesunden Zustand zurückversetzt werden, zitiert die Kirchheim 2024 GmbH die Wissenschaftler in einer Mitteilung.

Gemeinde und Landesgartenschau-Gesellschaft sind jetzt im Rahmen des "Smart City-Projekts" Kooperationspartner von Treesense geworden. Denn das Start-up benötigt möglichst viele Daten von möglichst vielen Bäumen. Am vergangenen Freitag wurden die ersten Sensoren an insgesamt zehn verschiedenen Standorten in Kirchheim angebracht. Dazu wurden die handtellergroßen Geräte mit zwei Schrauben, die zugleich als Elektroden genutzt werden, an den Ästen befestigt. Der Sensor misst, wie der Strom fließt, beziehungsweise wie hoch oder gering der elektrische Widerstand ist. Da Wasser sehr gut Strom leitet, Holz hingegen sehr schlecht, lässt sich so feststellen, wie viel Wasser ein Baum führt. Zudem werden alle 15 Minuten Sonneneinstrahlung und Temperatur gemessen. Ein Treesense-Monitoring dauert sechs bis zehn Monate.

Das Besondere an dem Kirchheimer Projekt: Es werden auch Bäume überprüft, die vor gut einem Jahr vom Kirchheimer Oval in den künftigen Ortspark versetzt und mit Anwachshilfen versehen wurden. Mit den Baumflüsterern von Treesense will die Gemeinden nun erfahren, was die acht Linden, sieben Eschen, zwei Kirschen und die Hainbuche wirklich von ihrem neuen Standort halten.

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