Kirchheim:Ein Bläuling macht noch kein Biotop

Kirchheim: Der mit der ökologischen Baubegleitung beauftragte Biologe Albert Lang hat am 6. Juni einen Idas-Bläuling auf dem umgesiedelten Biotop fotografiert.

Der mit der ökologischen Baubegleitung beauftragte Biologe Albert Lang hat am 6. Juni einen Idas-Bläuling auf dem umgesiedelten Biotop fotografiert.

(Foto: Albert Lang)

Die Gemeinde wertet die Sichtung einer seltenen Schmetterlingsart als Beleg für die erfolgreiche Umsiedlung eines Biotops. Naturschützer widersprechen.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Seit Beginn der Planungen für das Ortsentwicklungsprojekt Kirchheim 2030 beschäftigt vor allem eine Frage die Kirchheimer: Wie viel Natur darf für die Bauarbeiten weichen und wie kann man trotz aller Eingriffe möglichst viel von dem erhalten, was in der Gemeinde an Artenreichtum und Bäumen vorhanden ist? Auch beim Biotop nördlich des Jugendzentrums standen die Planer im vergangenen Herbst vor dieser Herausforderung. Erschließungsarbeiten machten einen Eingriff in den Altgrasbestand laut Gemeindeverwaltung nötig - um den Lebensraum zahlreicher Tierarten dennoch zu erhalten, wurden die Grassoden im September teilweise verpflanzt.

Dabei wurde die obere Bodenschicht am Westrand des Biotops abgetragen und an einer Ausgleichsfläche südlich der Staatsstraße angebracht. Kürzlich wurden bei einem Ortstermin der ökologischen Baubegleitung einige Idas-Bläulinge gesichtet - für Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) ein Zeichen, dass die Umsiedlung gelungen sei, wie er in einem Beitrag im sozialen Netzwerk Instagram mitteilte. Der aus einer Bürgerinitiative hervorgegangene Verein IG Wall hingegen glaubt nicht an einen solch schnellen Erfolg: Die Falter hätten sich nicht dauerhaft angesiedelt, sondern seien nur auf Nahrungssuche, wie es in einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung der Naturschützer heißt.

Insgesamt könnten sich die Insekten auf der neuen Fläche unter den bisherigen Gegebenheiten nicht ausreichend ansiedeln, sagt Vorsitzende Constanze Friemert. "Der Anfang ist gemacht, aber es fehlen so viele Komponenten." Insekten bräuchten Nahrungsquellen, um dauerhaft in einem Gebiet leben zu können - diese Voraussetzung sei in dem neuen Biotop nicht gegeben. Unterhalb der angepflanzten Sträucher sei lediglich Rindenmulch ausgestreut, durch den sich auf den Flächen keine Wildbienen oder wichtige Nahrungspflanzen ansiedeln könnten. Zudem habe sich der magere Wiesensaum, der auf dem Wall unterhalb der gepflanzten Gehölze geplant sei, noch nicht entwickeln können, da nichts gesät worden sei, so Friemert.

Die Gemeinde widerspricht diesen Darstellungen: Wie aus einem Protokoll der ökologischen Baubegleitung hervorgeht, wurde Ende 2020 durchaus eine Ansaat vorgenommen. Da aus dieser allerdings nur wenige Jungpflanzen hervorgegangen seien, sei im Mai eine zweite Saat erfolgt. Die Artenzahl konnte laut Protokoll auch dabei noch nicht erheblich erhöht werden, weshalb nun in Absprache mit der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises mehrere weitere Ansaaten geplant seien.

Ein weiterer Kritikpunkt der IG Wall ist die Umgebung der vom Ursprungsbiotop verpflanzten Bodenstücke. Um die Soden herum wäre nach Angaben der Naturschützer ein magerer Rohboden nötig, damit sich die Pflanzen ausbreiten könnten. Dies sei allerdings nicht der Fall, lediglich Kies befinde sich in der Umgebung der verpflanzten Soden. "Im Bebauungsplan wird die Ausgleichsfläche für das Biotop schon als hergestellt beschrieben, das ist aber nicht so", bemängelt Friemert. "Fachleute sind sich einig, dass das Jahre braucht."

Auch Bürgermeister Böltl räumt ein, dass die Sichtung der Idas-Bläulinge noch nicht als vollständige Herstellung eines Biotops gelten kann. In seinem Instagram-Beitrag spricht er von einem kleinen, ersten Erfolg, weist jedoch auch darauf hin, dass die Fläche noch nicht komplett fertiggestellt sei. Im Protokoll der ökologischen Baubegleitung heißt es, man wolle weiterhin den Fokus auf die Optimierung und Entwicklung der Fläche für die Bedürfnisse des Falters legen. Der Fortschritt soll den Planern zufolge kontinuierlich weiterverfolgt und untersucht werden, nicht nur in Bezug auf die Ansiedlung der Idas-Bläulinge, sondern auch auf die Entwicklung der Vegetation.

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