Bildung:Siebtklässler krempeln das Schulsystem um

Bildung: Die Schüler entwickelten ihre Vorstellungen von einer besseren Schule anhand konkreter Fragen.

Die Schüler entwickelten ihre Vorstellungen von einer besseren Schule anhand konkreter Fragen.

(Foto: Claus Schunk)

Kirchheimer Gymnasiasten dürfen im Zuge eines bundesweiten Projekts ihre Ideen äußern. Sie fordern unter anderem einen späteren Unterrichtsbeginn, weniger Noten und mehr Exkursionen.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Was würden wohl Schüler ändern, könnten sie für einen Tag Chef an ihrer Schule sein? Die Siebtklässler am Kirchheimer Gymnasium haben eine klare Vorstellung von idealen Lernbedingungen: Der Unterricht sollte nicht schon um 8 Uhr beginnen, mehrere Studien belegten schließlich, dass Kinder erst später am Tag leistungsfähig seien. Häufig sei der Leistungsdruck enorm, es sollte daher weniger schriftliche Noten geben. Und da das Klassenzimmer nicht immer der beste Ort ist, um in ein Thema eintauchen zu können, sollte es mehr Exkursionen geben.

Häufig wird diskutiert, wie man Bildung verbessern kann. Dabei werden Experten befragt, Pädagogen, Politiker - doch selten kommen diejenigen zu Wort, die das Thema unmittelbar betrifft. Um das zu ändern, hat die gemeinnützige Stiftungsgruppe Montag-Stiftungen mehrere Jugendwerkstätten an verschiedenen Schularten in ganz Deutschland organisiert. Die Kirchheimer Siebtklässler gehörten zu den fünf Klassen in Deutschland, die an der Aktion teilnehmen durften.

Die Jugendwerkstätten sind Teil eines größeren Projekts, bei dem Ideen und Vorschläge zur Verbesserung der Bildung gesammelt werden, wie Kommunikationsreferent Gerhard Wolff von den Montag-Stiftungen erläutert. Bislang diskutierten nach seinen Angaben bereits 400 Erwachsene in einer digitalen Konferenz über das Thema. Ihre Erkenntnisse sollen im Herbst in einem aus 100 Teilnehmern bestehenden Bürgerrat konkretisiert werden - hier sollen die Anregungen der Schüler einfließen. Ziel ist es laut Wolff, konkrete Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten, die dann schließlich an die Politik weitergegeben werden.

Drei große Tafeln waren in dem Klassenzimmer im Kirchheimer Gymnasium aufgebaut. Auf einer davon haben die Schüler bereits notiert, wie sie gerne lernen - allein oder mit Freunden, mit Pausen oder durchgehend. Konzentriert berieten sie sich in kleinen Gruppen über die Frage, die mit einem Schild an der zweiten Tafel angebracht war: Was würdest du an deiner Schule verändern, damit Lernen Spaß macht? "Es sollte mehr Verständnis für die Schüler geben", sagt die 13 Jahre alte Lena. "Fragen sollten auch beantwortet werden, wenn sie schon gestellt wurden." Denn manchmal habe man etwas nicht genau verstanden und wolle sich nochmals versichern - der Lehrer glaube dann aber häufig, man habe nicht aufgepasst. "Man müsste insgesamt das Bildungssystem ändern", ergänzt ihr Mitschüler Sebastian. "Es sollte mehr Allgemeinwissen vermittelt werden und auch praktische Fähigkeiten wie Kochen."

Lilly Nürnberger ist eigener Aussage nach nicht überrascht von der Kreativität und vom Engagement der Schüler: Auf Partizipation wird im Kirchheimer Gymnasium seit jeher Wert gelegt, wie die stellvertretende Schulleiterin erzählt. Regelmäßig gebe es an der Schule Befragungen und Evaluationen, bei denen sich die Kinder und Jugendlichen einbringen könnten. Von den Ergebnissen konnte nach Angaben Nürnbergers bereits einiges umgesetzt werden. "So soll Schule sein, man muss auch die Schüler fragen." Freilich seien manche Ideen zwar utopisch - ein Siebtklässler hatte bei der Jugendwerkstatt angeregt, den Unterricht nachts stattfinden zu lassen und eine zweistündige Pause zum Schlafen einzuführen. Aber das sei nebensächlich, Ziel sei schließlich, den Gedanken freien Lauf lassen zu können. Viele der Vorschläge hält Nürnberger selbst für empfehlenswert, so etwa die Reduzierung der schriftlichen Leistungsnachweise: "Da wäre ich sofort dabei, damit die Kinder mehr Zeit zum Lernen für die einzelnen Prüfungen haben."

Die vielen Vorschläge, die die Kirchheimer Siebtklässler ausgearbeitet haben, sollen nun Lena und Rüja im weiteren Verlauf des Projekts konkretisieren. Als Botschafter ihrer Schule fahren die beiden 13-Jährigen im Herbst nach Berlin, wo sie mit den Erwachsenen des Bürgerrats diskutieren und ihre Sichtweise einbringen werden. "Es ist aufregend, etwas für die anderen tun zu können", sagt Lena. "Es gibt so viele wichtige Dinge, die verbessert werden müssen, zum Beispiel die Digitalisierung." Ihre Mitschülerin Rüya freut sich ebenfalls auf die Gelegenheit, einen Beitrag für die Schüler in ganz Deutschland leisten zu können: "Bei dem Projekt können wir kreativ sein und unsere eigenen Ideen rauslassen. Sonst gibt es so eine Möglichkeit kaum." Ob sie denken, dass die Politiker ihre Vorschläge tatsächlich annehmen und umsetzen? "Ich bin zuversichtlich", sagt Lena.

Weitere Informationen zur Initiative Bürgerrat Bildung und Lernen finden sich unter https://www.buergerrat-bildung-lernen.de/

© SZ vom 23.07.2021/lb
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