SZ-Adventskalender:10 000 Kilometer Umweg zum Ausbildungsplatz

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SZ-Adventskalender: Dank Jürgen Gnuschke und den weiteren Ehrenamtlichen vom Helferkreis Asyl konnte Joseph Kamara nun in Kirchheim bei München seine Ausbildung beginnen.

Dank Jürgen Gnuschke und den weiteren Ehrenamtlichen vom Helferkreis Asyl konnte Joseph Kamara nun in Kirchheim bei München seine Ausbildung beginnen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Den Vertrag bei einem Elektriker hat Joseph Kamara schon unterschrieben, als ihm plötzlich die Abschiebung droht. Mit Unterstützung des Kirchheimer Asyl-Helferkreises fliegt er nach Afrika, um sich dort ein Visum zu besorgen - die Kosten dafür will er nicht den Ehrenamtlichen überlassen.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Flüchtlinge nehmen oft lange Wege auf sich, um der Gefahr in ihrer Heimat zu entkommen und ein neues, sicheres Leben zu beginnen. Joseph Kamara (Name geändert) war überzeugt davon, die Strapazen der Flucht längst hinter sich gelassen zu haben: Seit mehr als sieben Jahren hat er in Kirchheim im Landkreis München eine zweite Heimat gefunden, wie er sagt. Dennoch musste er in diesem Sommer insgesamt mehr als 10 000 Kilometer reisen, nur um in der Gemeinde bleiben zu dürfen - die Bürokratie hatte seiner bislang gelungenen Integration eine Hürde in den Weg gestellt.

Kamara kommt aus Sierra Leone. Der 43-Jährige war dort politisch aktiv. In dem westafrikanischen Land ist das nicht ungefährlich: Regelmäßig kommt es dort bei Wahlen zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen Mitgliedern der rivalisierenden Parteien, wie Kamara berichtet. Vor einigen Jahren war in einem solchen Konflikt das Haus, in dem er lebte, beschossen worden. Nach einer ersten Flucht kehrte er zunächst zurück, wurde jedoch erneut attackiert. Im August 2015 flüchtete Kamara schließlich nach Deutschland.

Seit seiner Ankunft hat er sich eigener Aussage nach immer Mühe gegeben, sich bestmöglich zu integrieren, hatte beinahe ununterbrochen Arbeit. Mit Blick auf seine berufliche Zukunft entschloss der 43-Jährige sich heuer, eine Ausbildung zum Elektroniker zu beginnen; den Vertrag mit dem Feldkirchner Elektroinstallationsbetrieb Gür hatte er bereits unterschrieben. Vor dem Beginn musste er jedoch seine bisherige Aufenthaltserlaubnis umwandeln. Jürgen Gnuschke vom Helferkreis Kirchheim wollte ihn dabei gemeinsam mit mehreren Ehrenamtlichen unterstützen. "Uns wurde zugesichert, dass er die Erlaubnis bekommt, wenn er einen Pass aus seinem Herkunftsland vorlegt", sagt der Helfer.

Mehrmals steht die Polizei bei ihm vor der Tür

Doch es kam anders. Im April begleitete Gnuschke Kamara zum Termin bei der Ausländerbehörde, doch die neue Sachbearbeiterin kassierte den mit großem Aufwand beschafften Pass ein und entzog dem Geflüchteten die bisherige Aufenthaltserlaubnis. "Ihre Aussage war, dass er sofort Flugtickets kaufen und ausreisen muss", sagt Gnuschke. Die Begründung der Sachbearbeiterin: Laut Gesetz hätte auch Kamaras Frau ihre Identität nachweisen müssen. "Das wussten wir nicht, wir haben auch keine Möglichkeit bekommen, ihren Pass nachzureichen." Kamara ist sichtlich ratlos, wenn er an den Termin zurückdenkt. "Ich habe nur getan, was von mir gefordert wurde", sagt er. Warum er dennoch so plötzlich ausgewiesen werden sollte, verstand er eigener Aussage nach nicht. "Das war schmerzhaft."

Nach dem Termin in der Ausländerbehörde erlebten Kamara und seine Frau weitere dramatische Tage. Mehrmals kam die Polizei in die Flüchtlingsunterkunft, in der das Paar lebt, um ihn für die Ausweisung festzunehmen. Die Beamten gingen dabei teils brachial vor, wie Gnuschke erzählt, brachen die Tür gewaltsam auf. Kamara selbst war zu dem Zeitpunkt nicht in der Unterkunft, doch seine Frau erlitt durch die Vorfälle einen Nervenzusammenbruch: "Sie war einige Tage im Krankenhaus", erzählt er rückblickend. Noch immer habe sie sich nicht völlig erholt und sei in Behandlung.

Um die Situation zu entschärfen, verhandelte der Helferkreis einen Kompromiss: Die Fahndung wurde gestoppt, als Kamara ein Flugticket mit Ziel außerhalb des Schengen-Raums vorweisen konnte. Der Plan: In Ghana sollte er in der deutschen Botschaft ein Ausbildungsvisum beantragen. Um die aufwendigen Vorbereitungen und die Buchung von Flug und Unterkunft kümmerten sich Gnuschke und sein Team. "Das war eine enorme Liste an Erledigungen: Passfotos, Impfungen, Formulare. Wir wollten auf keinen Fall etwas vergessen." Ende August flog Kamara schließlich in die ghanaische Hauptstadt Accra, rund 5000 Kilometer entfernt von Kirchheim.

Die Reise beschreibt er als nervenaufreibend: "Ich konnte kaum schlafen in der Zeit." Kamara kennt nach eigener Aussage mehrere Flüchtlinge, die in einer ähnlichen Situation gewesen seien und mehrere Jahre in Ghana auf ihr Visum warten mussten. "Ich dachte nicht, dass ich überhaupt wieder zurückkommen darf." Doch Kamara hatte Glück: Nach drei Wochen bekam er sein Visum ausgestellt und konnte wenig später den Flug nach Deutschland antreten. "Das war der beste Teil der Reise."

Kamara ist froh, dass er nun in Kirchheim bleiben kann. Dass er sich hier so willkommen fühlt, liegt auch an der Unterstützung des Helferkreises. Für die Hilfe bei der Visumsbeschaffung sei er dankbar, sagt der 43-Jährige. Ohne Gnuschke und die übrigen Ehrenamtlichen wäre Kamara heute nicht mehr in Kirchheim, ist er überzeugt: "Alleine hätte ich das alles nicht geschafft." Es ist ihm daher ein Anliegen, das Geld zurückzahlen zu können, das der Helferkreis in seine Reise nach Ghana investiert hat. Doch ganz ohne Unterstützung wird er das nicht schaffe. Hier möchte der SZ-Adventskalender helfen.

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