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Kirchheim:Auf der Überholspur in den Job

Mohamed Kondeh (links) ist glücklich über seinen Ausbildungsplatz als Metallbauer - und Geschäftsführer Herbert Jännert ist glücklich über den Azubi.

(Foto: Claus Schunk)

Die Kirchheimer Firma Jännert beteiligt sich am Programm "Bayern-Turbo", mit dem junge Flüchtlinge schneller in eine Ausbildung gebracht werden sollen

Jeden September beginnen im Landkreis München Tausende junger Menschen eine Ausbildung. Jahr für Jahr bleiben aber auch Hunderte Plätze unbesetzt. Das landesweite Programm "Bayern-Turbo" soll dies ändern und bringt nun Unternehmen aus dem Landkreis und Geflüchtete zusammen.

Einer von ihnen ist Mohamed Kondeh aus Sierra Leone. Der 21-Jährige hat Anfang September eine Ausbildung zum Metallbauer begonnen, bei der Firma "Jännert Planen und Fahrzeugbau" in Kirchheim. Seitdem pendelt er jeden Tag von Garching zu seinem neuen Arbeitsplatz - eine Stunde hin, eine zurück. Die dunklen Dreadlocks trägt er zum Zopf gebunden, der Rest seines neuen Arbeits-Outfits besteht aus einem hellgrünen T-Shirt und einer dunkelgrünen Latzhose. Wenn es an die Maschinen geht, ist auch die orangefarbige Schutzbrille Pflicht.

Eine Arbeitsmarktpolitik der zwei Geschwindigkeiten

Thomas Jännert freut sich über den neuen Azubi. "Wir haben Mohamed als sehr freundlichen und motivierten Mitarbeiter kennengelernt, deshalb hat er den Ausbildungsplatz auch bekommen", sagt der stellvertretende Geschäftsführer. Das Familienunternehmen bildet seit über 20 Jahren selbst aus, bisher mehr als 30 junge Menschen. In Sierra Leone ging Mohamed acht Jahre zur Schule, seit 2011 ist er in Deutschland. Vor seiner Ausbildung hat er viele Praktika absolviert, auch bei der Firma Jännert. Der Kontakt kam über das Projekt Bayern-Turbo zustande, das 1000 jugendliche Asylbewerber in den bayerischen Arbeitsmarkt integrieren soll.

"Für die Jugendlichen, die ganz unterschiedliche Vorerfahrungen mitbringen, haben wir eine Arbeitsmarktpolitik der zwei Geschwindigkeiten. Der Bayern-Turbo ist quasi die Überholspur", sagt Markus Schmitz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern bei der Bundesagentur für Arbeit.

Das Projekt unterteilt sich in zwei Phasen. Zunächst absolvieren die Teilnehmer einen zweimonatigen Sprachkurs. Daran schließt sich ein sechsmonatiger berufsbezogener Integrationskurs an. Hier lernen die Jugendlichen weiter Deutsch, aber es geht hauptsächlich um die Berufsorientierung. Durch Praktika und Probearbeiten soll die Integration in den Arbeitsmarkt erleichtert werden.

Im Voraus wird gechckt, wo die Interessen der jungen Flüchtlinge liegen

"Das Wichtigste ist die Kompetenzfeststellung an der Werkbank, also den Schraubstock in die Hand zu nehmen und sich an die Fräse zu stellen. Daran erkennen wir, wer zu welchem Unternehmen passt", sagt Schmitz. Um an dem Projekt teilnehmen zu können, müssen die jugendlichen Asylbewerber nämlich eine gute Bleibeperspektive und eine gute Schulbildung vorweisen können.

"Das Ziel ist, die jungen Menschen so schnell wie möglich in eine Ausbildung oder einen sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). Der Bayern-Turbo ist Teil des Maßnahmenprogramms "Integration durch Ausbildung und Arbeit", das von der VBW, der Staatsregierung und der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit gemeinsam aufgelegt wird. Zusammen haben die Projektpartner bisher mehr als 600 Praktika organisiert.

Die Jugendlichen bekommen also die Chance auf einen Ausbildungsplatz, die Unternehmen junge kompetente Mitarbeiter - eine Win-win-Situation. "Das Programm ist eine super Sache, hier bekommen wir qualifizierte Leute. Im Voraus wird gecheckt, wer welche Interessen hat und wer in welchen Betrieb passt. Das könnten wir so gar nicht leisten", sagt Thomas Jännert.

Das Projekt ist auf die Jahre 2016 und 2017 beschränkt. Mit dem Zwischenergebnis sind die Initiatoren zufrieden. "Von den ersten 390 Teilnehmern haben wir 120 im breiteren Sinne der Integration bereits untergebracht, zum Beispiel haben 41 eine Ausbildung begonnen. Das ist eine Quote von 30 Prozent", sagt Bertram Brossardt. Markus Schmitz geht noch einen Schritt weiter: "Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann hat mittlerweile jeder zweite die Ausbildung in der Tasche oder in realistischer Nähe vor Augen. Das ist in dieser kurzen Zeit ein klasse Ergebnis, zu Jahresbeginn wäre ich auch über 20 Prozent froh gewesen."

Für Mohamed hat sich das Projekt gelohnt. Wenn er alle Prüfungen besteht, hat er in drei Jahren seinen Gesellenbrief in der Tasche.

© SZ vom 12.09.2016

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