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Kirchheim 2030:Kampf um einen Rest Wildnis

Naturschützer setzen sich in Kirchheim für den vollständigen Erhalt eines Biotops ein, das nach der Landesgartenschau zum Teil überbaut werden soll. Die Gemeinde verweist auf geplante Ausgleichsmaßnahmen und wittert ein Wahlkampfmanöver.

Es klingt, als könnten sich Freunde der Natur freuen: Bis 2024 baut Kirchheim einen Park mit See und einen Bereich, den die Planer "Wildnis" nennen - mit Lichtungen und alten Bäumen. Trotzdem sind Naturschützer, die sich vor gut einem Jahr unter dem Namen IG Wall zusammenschlossen, alarmiert. Sie sehen ein Biotop gefährdet.

Das Biotop trägt den offiziellen Namen 7836-0019, ist 4,85 Hektar groß, liegt zwischen Jugendzentrum und Staatsstraße. Ein Naturgutachten aus dem Jahr 2017, das die Gemeinde in Auftrag gab, sieht in diesem Bereich den einzigen "Hotspot" innerhalb eines sonst artenarmen Gebiets. Gutachter Martin Karlstetter entdeckte dort mehrere seltene Heuschrecken und Tagfalter - wie den Idas-Bläuling, eine stark bedrohte Art, die allerdings rund um München häufiger vorkommt. Kriterien für den gesetzlichen Schutzstatus erfüllt das Biotop laut Landratsamt dennoch nicht. Geplant ist, dass ein Teil des Biotops zu dem Bereich "Wildnis" im neuen Ortspark werden soll. Auch nach der Landesgartenschau 2024 soll dieses Areal erhalten bleiben. Einen anderen Teil des Biotops stellen die Bauträger bis zum Ende der Landesgartenschau zur Verfügung, danach errichten sie dort etwa 170 Wohnungen mit maximal vier Stockwerken. Außerdem werden dort die Verlängerung der Ludwigstraße und ein Kreisverkehr liegen. Dafür ließen die Bauträger vor kurzem Bäume fällen.

Diese Straße schlug eine der Vorsitzenden der IG Wall, die Biologin Constanze Friemert, selbst vor. Denn ursprünglich plante die Gemeinde stattdessen eine Straße, die den Park in der Mitte durchschnitten hätte. Durch Friemerts Idee lässt sich das vermeiden. Deshalb stehe sie immer noch dahinter. Überhaupt wolle sie das Bauprojekt "Kirchheim 2030" nicht verhindern, sagt die 61-Jährige. Sie unterstütze den Entwurf für die Landesgartenschau sogar. Ihr Ziel sei lediglich, das Biotop zu erhalten. Wie wertvoll es ist, sei ihr und ihren Mitstreitern der IG Wall erst nach dem Bürgerentscheid über die neue Ortsmitte klar geworden.

Veronika Kröniger und Constanze Friemert (rechts) hat ein Gutachten, das erst nach dem Bürgerentscheid des Jahres 2017 erstellt wurde, die Augen über den großen Wert des Biotops geöffnet.

(Foto: Claus Schunk)

Damals, im September 2017, stimmten 72 Prozent der Bürger für die Pläne. Gutachter Karlstetter untersuchte das Biotop allerdings erst danach. Mit seinen Erkenntnissen hätten viele anders abgestimmt, da ist sich Friemert sicher. Laut Rathaus ist es normal, dass solche umfangreichen Untersuchungen erst gemacht werden, wenn klar ist, dass tatsächlich eine Bebauung kommt. Schließlich sei es damals bloß um ein grobes Konzept gegangen.

Alles sei mit den Behörden abgestimmt, sagt Böltl

Die IG Wall hat inzwischen mehr als 90 Mitglieder. Sie schlossen sich zusammen, als das Wäldchen beim Gymnasium gerodet wurde. Um noch mehr für den Naturschutz zu erreichen, will Friemert in den Gemeinderat. Die 61-Jährige tritt auf der Liste der VFW an. Auch Veronika Kröniger, die zweite Sprecherin der IG Wall, kandidiert - allerdings für die Grünen. "Wir erinnern die Gemeinde permanent an Gesetze", sagt Friemert. "Selbstverständlich steht alles, was wir tun, im Einklang mit dem Gesetz und ist mit den beteiligten Behörden abgestimmt", sagt Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU). Dem Landratsamt ist ein Verstoß bekannt.

Damals lagerte ein Unternehmen Kiesmaterial so, dass es "wenige Meter randlich im Biotopbereich zu liegen kam", wie das Landratsamt schreibt. Die Gemeinde habe diesen Fehler sofort korrigiert. Aufmerksam machte die Behörden die IG Wall. Böltl hält es für "bedauerlich", dass sich die Naturschützer nicht direkt an das Rathaus wandten. Er sieht deren Aktivismus größtenteils als Wahlkampf. Das Biotop komplett zu erhalten ist aus Sicht des Bürgermeister schwierig: Der städtebauliche Vertrag, den die Gemeinde mit den Bauherren im Herbst schloss, müsste noch einmal verändert werden. Die Alternative wären weniger Reihenhäuser oder eine höhere Bebauung mit bis zu neun Stockwerken. "Das würde das Grundgerüst der Planung, für das sich im Bürgerentscheid eine große Mehrheit aussprach komplett verändern", sagt Böltl. Trotzdem tue die Gemeinde viel dafür, möglichst viel Natur zu erhalten.

Zum Beispiel war es laut Böltl ursprünglich vorgesehen, für die Verlängerung der Ludwigstraße 15 Meter zu roden, jetzt seien es nur noch drei Meter. Insgesamt forstet die Gemeinde 65 000 Quadratmeter auf - wahrscheinlich mehr als sie müsste. Weil die Gemeinde noch nicht genau gewusst habe, wie der Ortspark einmal aussehen soll, habe sie sich entschieden, die gesamte Fläche auszugleichen - auch wenn heute klar sei, dass viele Bereiche so bleiben, wie sie heute sind. Ein großer Teil der Flächen, die aufgeforstet werden, liegt in Aschheim und grenzt an einen bestehenden Kirchheimer Wald.

Biologin Friemert bleibt jedoch dabei: "Es ist extrem schade und aus ökologischer Sicht völlig unverständlich, dass nach der Landesgartenschau die "Wildnis" etwa zur Hälfte überbaut werden soll."

© SZ vom 18.02.2020/belo
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