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Kindermedienkongress:The Kids are Alright

Kleinkinder, die mit dem iPad hantieren, und Erwachsene, die auf Papier mitschreiben: Ein Kongress in München hat die Kindermedien der Zukunft untersucht. Wo bleibt das Buch?

Lisa Sonnabend

Papier, überall Papier. Am Eingang erhält jeder Tagungsteilnehmer einen dicken Stapel mit gedruckten Charts, an den Plätzen liegen Blöcke und Stifte bereit. Nur eine Zuhörerin zieht ein Laptop aus der Tasche.

Wie im wahren Leben: Kinder müssen beim Chatten vorsichtig sein

Lesen Kinder bald nur noch elektronisch? Eine Tagung in München beschäftigt sich mit den Kindermedien der Zukunft.

(Foto: dpa-tmn)

Dabei geht es an diesem Montag um die Zukunft der Medien, insbesondere um die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. "iPad & Co. für Kids?! Wohin entwickeln sich die Kindermedien?" ist der erste Kindermedienkongress im Literaturhaus München.

Also schreiben 100 Mitarbeiter von Buchverlagen eifrig auf Papier wird, was da digital passieren könnte. Es ist ja eine recht fremde Welt, viele sind mit neuen Medien wie E-Reader oder Twitter wenig vertraut. Und dann weiß man nicht, wohin sich die Sache mit den Kindermedien entwickelt.

Diese Tagung liefert immerhin eines: erste Einordnungsversuche.

Die Weihnachtswünsche von Kindern beispielsweise verraten einiges über die künftige Medienentwicklung. Bernd Zanetti, Geschäftsführer der Akademie des Deutschen Buchhandels, zitiert eine Studie des US-amerikanischen Instituts Nielsen vom Oktober. Demnach würden sich Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren am meisten über ein iPad als Geschenk freuen.

Es folgen auf der Wunschliste: Computer, iPodTouch, Nintendo DS und die Playstation. Ein herkömmliches Buch ist nicht dabei. Dennoch ist dies eine beruhigende Nachricht für Buchverlage: Das iPad wird von 39 Prozent der Nutzer auch zum Lesen von Büchern verwendet.

Erik Flügge, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sozialforschungs-Institut Sinus, sieht noch eine weitere große Chance für Kinderbuchverlage. "Wer ein Buch liest, gilt im Freundeskreis oftmals schnell als uncool. Wer jedoch ein iPad hat, ist vorne mit dabei." Vielleicht gelingt es durch E-Reader, Lesen für Kinder wieder attraktiver zu machen.

Einige Apps, die man sich auf elektronische Endgeräte laden und dort nutzen kann, sind bereits erfolgreich. Das Buch der Drachen, das Kindern Informationen über die Fabeltiere bietet, gehört derzeit zu den zehn meistverkauften Bücher-Apps. Es hat mehr zu bieten als ein gewöhnliches Buch: Die Drachen geben ungeheuerliche Laute von sich und bewegen sich über den Bildschirm.

Alexander Trommen, Chef der Firma Appsfactory: "Gerade für kleinere Verlage liegt hier ein riesiges Potential." Zwar müsse man mit Entwicklungskosten von etwa 20.000 Euro für ein Produkt wie Das Buch der Drachen rechnen, doch wenn Multimedia gut eingesetzt wird, könne man beliebte Druckwerke als App erfolgreich weitervertreiben.

Aber nicht nur die technischen Möglichkeiten haben sich verändert, sondern auch die Kinder selbst. Davon berichtet Axel Dammler von Iconkids & Youth. Er spricht von einer "überkommerzialisierten Kindheit". Nur noch 21 Prozent der 6- bis 13-Jährigen spielen laut einer Studie fast täglich im Freien. Vor zwanzig Jahren waren es noch 73 Prozent.

Dieser "Overkill im Kinderzimmer" führe dazu, dass sich Kinder früher für Themen der Jugendlichen und Erwachsenen interessieren. Die Helden der Kinder seien nicht mehr so brav wie Karius und Baktus, sondern schrill und bunt. Sein Resumee: "Auch wenn sich die Lebens- und Medienwelten verändern, Kinder bleiben dennoch Kinder."

Buch - kein Statussymbol

Großen Einfluss auf die künftige Mediennutzung der Kinder haben die Eltern. Sie entscheiden über den Konsum von Computerspielenoder den Kauf elektronischer Endgeräte.

Sinus-Mitarbeiter Flügge hat sich auf ganz unterschiedliche Eltern-Typen eingestellt. "In Familien aus der Unterschicht ist ein Buch ein geringes Statussymbol, ein iPad dagegen ein viel größeres." Der Kauf scheitere jedoch oft an der Finanzierung. Eltern der bürgerlichen Mitte gehören zu denjenigen, die mit dem Kauf eine E-Readers noch warten - spätestens in drei Jahren hätten dann wohl alle einen.

"Postmaterielle Eltern" wiederum haben meist zahlreiche Bücherregale in der Wohnung stehen. "Ihr Traum ist es, dass ihr Kind nicht die Glotze anschaltet, sondern zum Buch greift", sagt Flügge. Elektronische Lesegeräte spielen für sie bislang kaum eine Rolle. Sogenannte "moderne Performer" seien dagegen bereits jetzt begeistert von Multimedia und würden ihre E-Reader auch mal an den Nachwuchs weiterreichen.

Während Erwachsene oft vor der Bedienung neuer technischer Geräte kapitulieren, ist dies für Kinder kein Problem. Bernd Zanetti von der Akademie des Deutschen Buchhandels erzählt, wie der vierjährige Sohn einer Bekannten beim Spielen das iPad der Mutter herunterwarf. Das Gerät ging dabei kaputt.

Die positive Erkenntnis hatte er schon vorher gewonnen - das Kleinkind konnte das Gerät ohne Probleme bedienen"

© sueddeutsche.de/hai/jja
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