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Haar bei München:Kein Cent vom Kiesunternehmer

Während Anlieger über die Belastung durch Lkw-Verkehr zum Quetschwerk in Salmdorf klagen, wirft der SPD-Gemeinderat Gantzer die Frage nach den Gewerbesteuerzahlungen der Betreiberfirma auf

Von Bernhard Lohr, Haar/Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Es sieht aus, als wäre ein Sandsturm über Salmdorf hinweggefegt: staubbedeckte Motorhauben, Scheinwerfer und Windschutzscheiben. Anliegern einer Zufahrtsstraße zum Quetschwerk Mühlhauser in dem Haarer Ortsteil hat es vergangenen Samstag mal wieder vom vielen Lkw-Verkehr gereicht. Sie machten Fotos von ihren verstaubten, dreckigen Autos und schickten sie an den im Landratsamt für die Auflagen Zuständigen im Fachbereich Imissionsschutz. Die Situation sei untragbar, beklagten sich die Betroffenen. Kurz darauf mailte der Geschäftsführer des Kieswerks, Markus Wahl, ein Foto seines eigenen, blitzblanken Wagens und schrieb, dass er im selben Wohngebiet wohne.

Seit Jahren geht es im Streit um Kiesabbau, Kiesverarbeitung und Kiestransporte in Haar so zu, als würden Menschen mit komplett unterschiedlicher Wahrnehmung aufeinandertreffen. Nun hat sich noch SPD-Gemeinderat Peter Paul Gantzer eingeschaltet und den Druck auf Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) erhöht, sich in der Auseinandersetzung noch deutlicher von dem Kiesunternehmen Glück mit Sitz in Gräfelfing zu distanzieren, das das Quetschwerk in Salmdorf betreibt. Gantzer hat im Bundesanzeiger recherchiert und herausgefunden, dass anders als seit Jahren kolportiert, das Quetschwerk keineswegs ein bedeutsamer Steuerzahler in Haar ist. Weder im Geschäftsjahr 2017/2018 noch im Geschäftsjahr 2018/2019 floss Gewerbesteuer in die Haarer Gemeindekasse. Es profitierte Gräfelfing als Sitz des Unternehmens. "Der Dreck für Haar, das Geld für Gräfelfing!", schreibt Gantzer in einem Brief an den Bürgermeister. Gantzer fragt, ob tatsächlich keine Steuern gezahlt würden. Und er fragt, ob die Haarer sicher sein dürften, dass Bukowski sich dafür einsetzt, Genehmigungen für das Quetschwerk nicht weiter zu verlängern oder zu erneuern.

Haar, Quetschwerk Mühlhauser, ständiger LKW-Verkehr, in Gronsdorf und Salmdorf,

Der Lkw-Verkehr von und zum nahegelegenen Quetschwerk belastet Salmdorf.

(Foto: Privat)

Der Bürgermeister ist nicht gerade begeistert, dass sich Gantzer wieder einmal als "Wadlbeißer" betätigt, wie Bukowski es ausdrückt. Beide sind ja schon miteinander im Clinch, weil Bukowski dem früheren Landtagsabgeordneten vorwirft, ihn ehrverletzend bezichtigt zu haben, mit einer Werbeaktion für ein Autohaus, bei dem Bukowski ein Elektrofahrzeug gekauft hat, Grenzen überschritten zu haben. Nun also die Aufforderung zum Handeln: Bukowski sagt, er stehe mit der Firma Glück in Gesprächen und er verfolge den Plan, eine "Endlichkeit" des Kiesabbaus in Salmdorf zu erreichen. Es gehe darum, ob die Gemeinde Flächen erwerben könne, die der Firma Glück gehörten, und um Konzepte für eine Nachnutzung. Bis zum Sommer nächsten Jahres will Bukowski dem Gemeinderat Konkretes vorlegen. Wenn man so nicht weiterkommt, schließt der Bürgermeister eine juristische Klärung der Angelegenheit nicht aus. Aber vor einem teuren und langwierigen Streit, sagt Bukowski, wolle er erst einmal reden.

Die Anlieger pochen derweil darauf, dass erst einmal Auflagen eingehalten werden, deren Kontrolle bei einem runden Tisch im Haarer Rathaus auch von Landrat Christoph Göbel (CSU) zugesagt worden sei. Alexander Bär, Sprecher der Salmdorfer Bürgerinitiative, ruft dazu auf, eine Online-Petition zu unterzeichnen. Gestartet wurde sie unter dem Slogan "Hösi steht auf" in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, weil dort von heute auf morgen ein Abbruchunternehmer aufgetreten ist, der auf zwei Flächen gerne Kies abbauen würde und dem die Gemeinde und das Landratsamt nur wenig entgegensetzen können, weil Kiesabbau genehmigungsrechtlich als "privilegiertes" Vorhaben eingestuft wird. Genau dagegen wendet sich die Petition, die seit 8. November im Netz steht.

Auch den Staub, den sie neulich auf ihren Autos fanden, führen die Anwohner auf die Kieslaster zurück.

(Foto: Privat)

In Höhenkirchen-Siegertsbrunn soll der Abbau verhindert werden, in Haar geht es nach Jahrzehnten um ein mögliches Ende. Wobei der Gemeinderat in den vergangenen Wochen Anträge auf Nassauskiesung sowie die Erweiterung von Betriebs- und Lagerflächen zurückwies und die Erneuerung und Modernisierung der Entstaubungsanlage kritisch sah, weil die in Verbindung mit einem unbefristeten Betrieb gestellt wurde. Eine Entscheidung zu den Punkten obliegt dem Landratsamt und liegt laut Haarer Rathaus nicht vor. Gantzer fordert den Bürgermeister auf, den "gewieften Salamitechnikern" aus Gräfelfing Grenzen aufzuzeigen. Denn eins sei klar: Ein Betrieb des Quetschwerks liege nicht im Interesse der Gemeinde.

© SZ vom 20.11.2020/lb

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