Einzelhandel:Kaut-Bullinger will "gigantisch" wachsen

Kaut Bullinger, 2021

Im Februar ist Schluss: Kaut-Bullinger gibt seinen Sitz in der Münchner Innenstadt auf.

(Foto: Robert Haas)

Der Bürobedarfshändler schließt sein Stammhaus in der Münchner Innenstadt und setzt stattdessen auf Online-Handel und Großkunden. Nach der Corona-Krise hofft das Unternehmen nun aber auf bessere Zeiten - und will mittelfristig sehr viel mehr Geld verdienen

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

Pünktlich zu seinem zweijährlichen Kundentag hat der Bürobedarfshändler Kaut-Bullinger einen neuen Imagefilm produziert, der die für solche Videos üblichen Hochglanzbilder liefert - etwa aus luftiger Höhe, beim Flug über die Firmenzentrale in Taufkirchen. Gut drei Minuten lang dreht sich alles um die Vorzüge und Qualitäten des mehr als 200 Jahre alten Unternehmens.

Einzelhandel: Für die Firmenzentrale in Taufkirchen hat die Aufgabe des Geschäftes in der Innenstadt laut Geschäftsführer Robert Brech keine Konsequenzen.

Für die Firmenzentrale in Taufkirchen hat die Aufgabe des Geschäftes in der Innenstadt laut Geschäftsführer Robert Brech keine Konsequenzen.

(Foto: Claus Schunk)

Allein Aufnahmen von dessen Geschäften und allen voran vom Stammhaus in der Münchner Rosenstraße, deretwegen die meisten Menschen den Namen Kaut-Bullinger kennen, sucht man in dem Film vergebens - und das nicht grundlos. Denn die Firma vollzieht gerade einen radikalen Strategiewechsel, zieht sich komplett aus dem Einzelhandel zurück und schließt mehrere Filialen - Ende Februar 2022 auch das Aushängeschild unweit des Marienplatzes.

"Es war eine Entscheidung, die wir treffen mussten, und die für uns alle extrem belastend war", sagt Robert Brech, Geschäftsführer der Kaut-Bullinger-Gruppe, bei der Eröffnung des Kundentags. Zu diesem sind mehr als 300 Kunden und Partner aufs Firmengelände in Potzham nahe der A 995 gekommen. Es gibt Blasmusik und einen Ochsen am Spieß, Dutzende Aussteller präsentieren neue Produkte zu Themen wie 3-D-Druck, Büromaterial und dem Arbeiten im Home-Office. Dazu kommen eine Tombola, ein Bierzelt und ein halbes Dutzend Essensstände, was - gepaart mit den vielen Gästen in Tracht - dem Ganzen einen Hauch von Volksfestatmosphäre verleiht.

Ein Sozialplan für 60 Beschäftigte

Doch diese Feierstimmung verfliegt schnell, sobald es um das Stammhaus in der Rosenstraße geht. Dessen Schließung sei ein "extrem tiefer Einschnitt für uns", hat Robert Brech zuvor in der Pressekonferenz gesagt. Und doch sei der Schritt unvermeidlich: "Wir haben dort seit Jahren hohe Verluste im einstelligen Millionenbereich geschrieben", so der Geschäftsführer. Die Corona-Krise samt Lockdowns habe ihr Übriges getan. Leidtragende seien vor allem die 60 Beschäftigten in der Rosenstraße, sagt Brech. Derzeit verhandle man mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan; zehn von ihnen sollen übernommen werden und in der Firmenzentrale arbeiten.

Was der Abschied vom Einzelhandel für den Standort Taufkirchen bedeutet, wo das Unternehmen seit 1992 seinen Hauptsitz samt Logistik und Lager hat? "Gar nichts", antwortet Robert Brech. "Der Einzelhandel und unser Standort hier waren wie zwei getrennte Welten." Im Taufkirchner Rathaus wird man das gerne hören, schließlich beschäftigt Kaut-Bullinger nicht nur gut 230 Menschen in der Gemeinde, sondern ist mit einem Jahresumsatz von knapp 100 Millionen Euro auch kein unbedeutender Gewerbesteuerzahler.

Wobei Robert Brech offen einräumt, dass die Firma in der Corona-Krise Federn gelassen hat. Man liege beim Umsatz "dramatisch unter der Planung, aber wir sind noch keinen Tag unter dem Vorjahr gelegen". Mittelfristig will Kaut-Bullinger indes wachsen, und zwar "gigantisch", so der Geschäftsführer.

Nach dem Abschied vom Einzelhandel wird der Fokus dabei auf dem Onlinebereich sowie dem Geschäft mit Großkunden liegen, was laut Brech schon jetzt 80 Prozent des Umsatzes ausmacht. Der finanzielle Spielraum für Investitionen sei vorhanden, nicht zuletzt durch den Verkauf des Gebäudes in der Münchner Innenstadt an den Signa-Konzern des Unternehmers René Benko. Zwischen 80 und 100 Millionen Euro habe der Preis gelegen, verrät Brech, der ankündigt: "Wir werden Veränderungen in unserem Unternehmen herbeiführen."

Derweil will die Taufkirchner Firma ihren Kundentag - die erste Großveranstaltung seit Ausbruch der Pandemie - vor allem als Zeichen des Aufbruchs verstanden wissen. "Das Signal dieses Tages ist, dass wir uns dieser Krise nicht ergeben", sagt Robert Brech. "Es ist an der Zeit, mutig und optimistisch nach vorne zu blicken."

© SZ vom 23.09.2021/belo
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