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Kapitalismuskritik:"Es schockiert mich nicht mehr"

Die Proben von Neubiberger Gymnasiasten zu Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" sind Teil eines preisgekrönten Dokumentarfilms. Hauptdarsteller Jonas Hoyer über Fleischindustrie und Fleischkonsum

Interview von Daniela Bode, Neubiberg

Coronavirus - Ausbruch bei Tönnies

Junge Aktivisten demonstrieren vor der Tönnies-Firma in Rheda-Wiedenbrück gegen die Zustände in Schlachtbetrieben.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Unter welch prekären Bedingungen die oft osteuropäischen Schlachter des Fleischverarbeitungsbetriebs Tönnies in Nordrhein-Westfalen arbeiten und leben, ist schockierend. Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina hat sich in ihrem preisgekrönten Film "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" mit dem Schicksal dieser Arbeiter auseinandergesetzt. In dem Streifen sind Theaterproben von Neubiberger Gymnasiasten aus dem Jahr 2018 gegengeschnitten, in denen diese das kapitalismuskritische Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht einstudieren. Das Stück stammt von 1931, ist aber vom Thema her brandaktuell. Jonas Hoyer, der damals die männliche Hauptrolle spielte und heute Architektur studiert, spricht über den Dokumentarfilm und darüber, wie er den aktuellen Skandal in der Fleischindustrie wahrnimmt.

SZ: Sie haben sich bei den Proben intensiv mit der Schlachtindustrie auseinandergesetzt. Schockiert Sie, was Sie über die Zustände bei der Firma Tönnies sehen?

Jonas Hoyer: Weil ich mich ja damals intensiv auf das Thema vorbereitet habe und ich daher weiß, wie es abläuft, schockiert es mich nicht mehr. Dass Corona dort nicht viel früher ausgebrochen ist, hat mich eher überrascht. Aber natürlich finde ich die Situation für die Arbeiter entsetzlich.

Ihnen und ihren Mitschülern öffneten die Recherchen zum Stück also bereits die Augen, dass es auch in Deutschland solche Arbeitsverhältnisse gibt.

Dass es so schlimm ist, war uns nicht bewusst. Dass von den Subunternehmern jede gesetzliche Lücke genutzt wird, um Profit zu machen. Oft wird den Arbeitern viel zu viel Geld für katastrophale Wohnungen vom Lohn abgezogen. Manchmal leben 16 oder 17 Leute in einer Wohnung. Dass sie so ausgebeutet werden und keiner sich darum kümmert, war mir nicht klar. Ein Arbeiter sagte in dem Dokumentarfilm auch, er müsse zwei Stunden zur Fabrik laufen und nach einem Tag Arbeit zwei Stunden wieder zurück, weil auf die Busse der Subunternehmer kein Verlass sei.

Haben Sie sich seit dem Theaterstück weiter mit dem Thema befasst?

Nicht aktiv, aber ich habe es natürlich nicht vergessen, seit ich mich auf die Rolle so intensiv vorbereitet habe. Ich esse nicht viel Fleisch, und wenn ich welches kaufe, schaue ich, dass es nicht das günstigste ist.

Inwieweit passte das Brecht-Stück zu dem Dokumentarfilm.

In dem Film geht es ja um die Situation der Arbeiter, auch im Theaterstück ist das der Dreh- und Angelpunkt. Johanna geht auf den Schlachthof, sieht wie es den Menschen geht, und ist schockiert. Sie will etwas dagegen tun und trifft Herrn Mauler, den Geschäftsführer der Fabrik. Wie Herr Tönnies wirkt er unantastbar, aber er weiß schon: Wenn sich die Arbeiter zusammentäten, hätte er keine Chance. Es sind so viele. In dem Film gibt es auch eine Frau, die sich sehr engagiert, den Arbeitern bei Tönnies zu helfen. Aber die Situation ist die Gleiche geblieben. So ist das bei Johanna auch. Sie tut viel, aber sie schafft es nicht. Das Theaterstück vermittelt die Botschaft, dass man alleine nicht viel erreicht, sondern nur gemeinsam.

Als Schüler aus dem Speckgürtel Münchens stehen Sie auch für die Gesellschaft, die nicht direkt mit diesen Verhältnissen in Berührung kommt. Die Regisseurin erzählt in einem Interview, sie hätte erwartet, dass Sie wegen der Ungerechtigkeiten wütend werden, stattdessen habe sie aber viel ratloses Schweigen wahrgenommen. War es Ohnmacht? Oder konnten Sie sich nicht in die Arbeiter hinein versetzen?

Jonas Hoyer, ehemaliger Schüler am Gymnasium Neubiberg, der beim Theaterstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" mitspielte

Der Student Jonas Hoyer spielte vor zwei Jahren in einer Aufführung von Neubiberger Gymnasiasten die Hauptrolle des Herrn Mauler in dem Theaterstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht.

(Foto: Privat)

Auf der einen Seite ist es so, dass wir gerade volljährig waren. Ich hatte bis dahin mal Zeitungen ausgetragen und Nachhilfe gegeben, ansonsten hatte ich noch nichts gearbeitet. Außerdem sind wir ja alle sehr behütet aufgewachsen. Da war das einfach sehr schwer zu greifen. Auf der anderen Seite habe ich festgestellt, wirklich wütend wird man ja eigentlich nur, wenn man selbst emotional betroffen ist. Die Menschen in Gütersloh sind jetzt wütend auf Tönnies, weil sie Sommerferien haben und nicht weg können. Das macht sie sauer, aber nicht so sehr die Situation der Arbeiter. Damit man sich wirklich engagiert, müssen Gefühle dabei sein.

Der Film ist angesichts der aktuellen Situation in vielen Medien. Wird sich das Thema halten oder bald verblassen?

Ich fürchte, es wird sich nicht nachhaltig etwas ändern. Das ist wie bei Hungersnöten in Afrika. Wenn sie besonders schlimm sind, sind sie auch in den Medien. Nach einer Zeit sind sie wieder vergessen.

Hat Ihr Theaterstück, als Sie es vor zwei Jahren aufführten, etwas bewirkt? Haben Sie etwas an Ihrem Verhalten geändert?

Bei mir auf jeden Fall. Ich habe mich ja sehr intensiv mit der Situation beschäftigt und auch versucht, mich emotional in die Rolle des Herrn Mauler zu versetzen, den ich spielte; deshalb hat das schon nachhaltig etwas bewirkt. Es ist jetzt nicht so, dass ich auf die Straße gehe und andere dazu aufrufe, mich zu unterstützen. Aber ich bin jetzt sensibilisiert für solche und ähnliche Problematiken wie Menschenhandel und Klimawandel, und ich versuche, das bei meinen Entscheidungen zu berücksichtigen.

Welche Verantwortung hat jeder Einzelne, um solche Strukturen wie in der Fleischindustrie zu verhindern?

Sich der Dinge bewusst sein und das bei seinen Entscheidungen zu berücksichtigen und sich an der Fleischtheke zu überlegen, ob man jetzt unbedingt das günstigste kaufen muss oder ob man nicht auch ein teureres nehmen kann. Wenn viele das tun, dann ändert sich vielleicht etwas.

© SZ vom 07.07.2020

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