Kallmann-Museum Identität zum Umhängen

Die Ismaninger Ausstellung "Ein gemachter Mensch" widmet sich der Frage, warum wir sind, wer wir sind

Von Udo Watter, Ismaning

Wer durch die urbanen Szeneviertel einer deutschen Großstadt streift, dem könnte beim Anblick all der hippen Passanten mit ihren Bärten, Schiebermützen, ledernen Umhängetaschen, Tattoos oder Nostalgie-Rennrädern mitunter das böse Bonmot in den Kopf schießen: Jeder hat Individualität. Und jeder dieselbe.

Kleider machen Leute. Bestimmte Accessoires. Das Beherrschen von Sprachcodes. Sie betonen die Zugehörigkeit zu bestimmen Milieus. Aber wer bin ich wirklich? Wie sehr bin ich Produkt meiner Umwelt? Wer will ich sein? Wie weit inszeniere ich mich nur? In Anna Witts Video-Installation "Rap vom Rand", die in der neuen Ausstellung "Ein gemachter Mensch - Künstlerische Fragen an Identitäten" im Ismaninger Kallmann-Museum zu sehen ist, treffen junge Menschen aus zwei verschiedenen soziokulturellen Milieus aufeinander, die ihre rhythmischen Reime mit gänzlich unterschiedlicher Street-Credibility in die Kamera texten. Auf der einen Seite eher bürgerlich-brav gekleidete Münchnerinnen und Münchner, die vor dem Monopteros oder anderen Innenstadt-Kulissen Sätze von sich geben wie "Um entgleiste Kinder von der Straße zu holen, wird der pädagogische Einsatz von Hip-Hop empfohlen", oder halbironisch zu "Diskurs, Diskurs, Diskurs" wippen - Sprachversatzstücke aus der ethnologischen Forschung. Auf der anderen Seite die härteren Jungs aus den Randvierteln, die mal martialisch, mal verschmitzt, in typischem Rapper-Outfit und mit typischer Körpersprache ein Flair cooler Münchner Gegenkultur verströmen.

Hinter tausend bunten Farben verbirgt sich welche Welt? Iwajla Klinkes Bild zeigt ein sorbisches "Bescherkind" in mythischer Kleidung.

(Foto: Leihgabe Sammlung Köstlin)

Man kann hier ein wenig verweilen, in einem abgedunkelten Raum des Museums, zusehen, sich amüsieren über das Spiel mit Identitäten, über die eigene stereotypen Vorstellungen reflektieren.

Das Thema der aktuellen Ausstellung - Fragen nach der Identität - ist hochaktuell. Der Begriff wird ja gerne als Rechtfertigung für Ausgrenzung und Diskriminierung herangezogen. "Ungehemmt politisch instrumentalisiert" wie Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) auf der Eröffnungsfeier sagte. Dabei scheint die Bestimmung der menschlichen Identität im 21. Jahrhundert schwieriger denn je zu sein. Jahrtausend alte Konstanten wie Religion, Ethnizität, Geschlecht und Nationalität haben sich verändert oder teils gänzlich aufgelöst. "Es gibt heute hybride Formen, die es vor 100 Jahren so noch nicht gegeben hat", sagte Museumsleiter Rasmus Kleine. Während seiner und Greulichs Rede schritt immer wieder eine Frau den Innenhof des Museums auf und ab, die eine blaue Burka trug und sonst recht wenig. Ihr luftiger Auftritt - verhülltes Gesicht, nackte Beine - war Teil einer Performance des Künstlers Naneci Yurdagül, der selbst später auch in einem leicht grotesken weißen Hochzeitskleid am Heckenlabyrinth vor dem Museum auf- und abwandelte.

In Anna Witts Video-Installation prallen bürgerlicher und subkultureller Rap aufeinander.

(Foto: Galerie Tanja Wagner)

Im Gebäude selber ist ein anderer kreativer Beitrag von ihm zu sehen: 80 Türkenwitze an der Wand, alle nur als Fragen formuliert ("Was heißt Vibrator auf Türkisch?"), was natürlich den Betrachter dazu provoziert, die entsprechenden Antworten zu suchen. Identität wird ja immer auch geprägt durch den Blick, den andere auf einen haben. Das Fremdsein, Ausgegrenztsein entwickelt negative identitätsstiftende Kraft. Etliche Werke in Ismaning widmen sich dieser Thematik. Entlarvend etwa Nasan Turs Arbeit, der sich einen großen Schnurrbart wachsen lässt (für ein Passbild) und dabei Reaktionen von Menschen auslöst, die von der einen Seite diskriminierend sind, von der anderen Seite ungefragt zustimmend - beide Reflexe basierend auf demselben Vorurteil. "Das Leben zwischen den Kulturen erschwert die Identität", erklärt Kleine.

Selma Alaçam drückt ihrem Gesicht den deutschen Stempel auf.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Generell betrachtet die Gruppenausstellung im Kallmann-Museum mit Arbeiten von 15 Künstlern menschliche Identitäten aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Der Titel "Ein gemachter Mensch" bezieht sich dabei auf das Gemachtsein von Identität, die wohl nur sehr minimal von vornherein festgesetzt ist. Zugleich spielt er auf das geflügelte Wort vom "gemachten Mann" an, der einen festen Platz in der Gesellschaft gefunden hat und dort erfolgreich ist. Bei der Suche nach Identität spielt Nationalität natürlich auch immer eine Rolle. Selma Alaçam drückt in ihrer gezeigten Arbeit ihrem Gesicht so lange den deutschen Stempel auf, bis es nahezu schwarz geworden ist. Timea Anita Oravecz' gestickte Arbeiten aus Stoff lassen die Bedeutung nationaler Identität fragil erscheinen und schaffen zugleich ein Bild für die Behinderungen beim Reisen durch Kontrollen und Bürokratie.

Die Werkschau, die thematisch in die Ausstellungsreihe "Identitäten" der "Landpartie"-Museen rund um München eingebettet ist, widmet sich noch zahlreichen weiteren Aspekten, die bei der Herausbildung und Bestimmung individueller Identität von besonderer Bedeutung sind. Iwajla Klinke spürt alten Riten und deren fast mythisch anmutenden Gewändern nach, Martin Brand zeigt in einem dunklen Raum überlebensgroße Menschen, die ihren Wunsch nach Anderssein im Rollenspiel ausleben und sich aufwendig kostümieren. Sali Muller spielt in ihren Arbeiten mit dem Betrachter, dessen Blick in den Spiegel erst ermöglicht und dann peu à peu verhindert wird. Veronika Witte zeigt, welche Veränderungswünsche Menschen an ihren Körper haben und Alicja Kwade hat eine ganz besondere Art von Selbstporträt geschaffen: die im menschlichen Körper enthaltenen chemischen Elemente sind eingerahmt in kleinen Pillen aufgereiht. Irritierend. Anregend. Ein bisschen verstörend.

Wer bin ich? Ist das Ich ist ein Anderer? Verringert die Zugehörigkeit zu einem Milieu, zu einer Gemeinschaft die Individualität? Was macht Schnurrbart, Kopftuch oder Wollmütze aus mir? Welche Rolle spielt die digitale Identitätsbildung? Wie unterscheidet sich die eigene Identität von einem Computer? Viele Fragen, die diese spannende und abwechslungsreiche Ausstellung stellt und auch Antworten anbietet - aber natürlich keine endgültigen.

Die Ausstellung "Ein gemachter Mensch" im Kallmann-Museum Ismaning dauert bis 16. September. Am Sonntag, 3. Juni, gibt es eine öffentliche Führung mit Alexandra M. Hoffmann, Beginn 15 Uhr, Am Donnerstag, 7. Juni, führen unter dem Motto "Kunst und Kuchen" die Kuratoren Rasmus Kleine und Luca Daberto durch die Ausstellung. Beginn 15 Uhr, Kosten sechs Euro (inklusive Kaffee und Kuchen).